Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.10.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Dr. Sven Keppler

Fenster zum Himmel

Der Raum glänzt voller Gold. Bilder mit Heiligen füllen die Wände. Aber es brennen keine Kerzen und duftet auch nicht nach Weihrauch. Ich befinde mich mitten im Ruhrgebiet.

Im Ikonenmuseum Recklinghausen. Ikone bedeutet ganz einfach Bild. Aber sind diese goldenen Ikonen nicht mehr als nur Bilder? Das frage ich Gordana Veljanovic. Sie ist eine orthodoxe Christin aus Serbien und arbeitet im Ikonenmuseum.

O-Ton: Das ist mehr als ein Bild. Eine Ikone ist ein Kultbild, dem eine besondere Verehrung zukommt. Die Ikonen sind gemalt worden, um verehrt zu werden, angefasst zu werden, um berührt und geküsst zu werden. Die Menschen, die vor Ikonen stehen und beten, erwarten, dass der Heilige in diesem Bild präsent ist.

Autor: Der Heilige soll wirklich anwesend sein, wo die Ikone steht. Das ist mir als evangelischem Christen fremd. Geht es wirklich darum, Bilder anzubeten und den verstorbenen Heiligen zu begegnen? Ich frage Frau Veljanovic, wo Gott dabei bleibt. Natürlich geht es um Gott, sagt sie. Aber:

O-Ton: Die Erscheinung Gottes ist nicht zu erwarten in dem Moment, in dem wir nur vor diesem Bild beten und stehen und betrachten und bewundern.

Autor: Erst im Gottesdienst erlangen Ikonen ihre wahre Bedeutung:

O-Ton: Wenn der Priester aus dem Altarraum erscheint mit dem Weihrauch. Wenn er in einer Prozession durch den ganzen Kirchenraum geht, begleitet von seinen Diakonen. Wenn er feierlich dann die Kerzen vor diesen Bildern anzündet und betet, zusammen mit dem Volk – dann hat die Ikone ihre eigene, so richtig, ihre Bedeutung:Ikonen sind wie Übersetzer des liturgischen Geschehens. Wie Fenster zum Himmel, um das, was unsichtbar ist, sichtbar zu machen.

Autor: Fenster zum Himmel sind die Ikonen. Sie führen geheimnisvoll vor Augen, was man eigentlich gar nicht sehen kann. Davon kann man auch hier im Museum etwas ahnen. Wenn man genau hinschaut, dann hat jede Ikone ein eigenes Rätsel.Angelika Büchse, eine andere Mitarbeiterin, weist auf solch eine Besonderheit hin: Häufig liegt das Bild einer Ikone etwas tiefer als der Rahmen, wie ein Grab.

O-Ton: Also, was für alte Ikonen zum Beispiel typisch ist, ist die Vertiefung. Das heißt, hier wird eigentlich immer versucht, vor Augen zu führen, dass die Heiligen ja bereits gestorben sind, also schon auch im Grab liegen. Aber häufig ist es so, dass auf Ikonen ein Element existiert, das über diesen Rahmen hinausgeht.

Autor: Die Vertiefung der Ikone ist wie die eines Grabes. Aber das Bild endet nicht an dieser Vertiefung. Dadurch zeigt die Ikone: Auch das Leben endet nicht an den Gräbern.Ich finde das wunderbar: Der Maler tut nicht so, als wüsste er, wie es im Himmel aussieht. Aber mit einem zarten, vorsichtigen Zeichen erinnert er mich an die große Hoffnung des christlichen Glaubens: Dass Gott mir nach dem Tod ein neues Leben schenken wird. Dadurch wird die Ikone wirklich ein Fenster zum Himmel.

Audiobeitrag Fenster zum Himmel


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