Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.10.06, 8.05 Uhr, Pfarrerin Antje Rösener

Geld und/oder Leben

Vor kurzem haben wir unser altes Auto verkauft. Der Käufer zückte sein Portomonnaie und drückte mir …drei 500 € Scheine in die Hand.

Die Scheine schienen frisch aus der Presse gekommen zu sein, zartviolett ihre Farbe, leuchtend weiß die Zwischenräume, eine futuristische Brücke darauf. Kein Knick war zu sehen, keine noch so kleine Gebrauchsspur. Ich konnte mich darüber hinaus nicht erinnern, jemals einen 500 € Schein in der Hand gehalten zu haben. Im Grunde war es nicht mehr als ein Stück Papier in meinen Händen, aber es nötigte mir Respekt ab: 500 € - das waren mal tausend Mark.

Hinterher wunderte ich mich über mich selbst: Kleinkinder würden dieses Stück Papier in den Mund nehmen wie einen Keks oder es mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zerknüddeln - wie ein Stück Zeitungspapier. Menschen aus einem weit entlegenen Land dieser Welt würden nicht wissen, ob dieser Schein reicht, um damit eine Tüte Milch zu bezahlen.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Antje Rösener und ich arbeite als Theologische Studienleiterin im Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe in Dortmund.

Geld – ist das ein Thema für einen Sonntagmorgen? Was meinen Sie? Oder hören Sie einfach weiter zu, warten Sie es ab.

An mein erstes selbstverdientes Geld erinnere ich mich bis heute. Ich war in den Ferien jobben und kaum hatte die Schule wieder begonnen, fand ich ein paar hundert Mark auf meinem Konto. Drei läppische Zahlen, die mir einen neue Welt eröffneten: Ich war stolz wie Oskar und fühlte mich zugleich um Jahre älter: Dies war mein Geld und ich war frei, damit zu tun und zu lassen, was ich wollte. Niemand würde mir hereinreden können. Dieses Gefühl, unerwartete Spielräume zu haben, war einfach nur klasse. Wie befreiend es ist, eigenes Geld zu verdienen – das haben auch viele Frauen erlebt, wenn sie nach vielen Jahren Hausfrauendasein zurückkehrten in den Beruf. Ein eigenes Konto zu haben, das stärkt das Selbstbewusstsein, das vermittelt das Gefühl, unabhängig zu sein von den Vorgaben anderer, das schenkt Spielräume.

Man lügt sich etwas in die Tasche, wenn man sich das nicht eingesteht: Geld zu haben macht selbstbewusst, es eröffnet viele Möglichkeiten, ein Geldpolster auf dem Konto beruhigt. Niemand spürt das so deutlich wie die, die wenig Geld haben. Eine Freundin von mir ist psychisch krank geworden, jede Woche werden ihr 80 € zugeteilt. Das muss reichen für Essen und Trinken, Kleidung und Unternehmungen. Eine Reise mit der Bahn in die nächste Stadt – diese Freiheit hat sie nicht. Schon ein Besuch im Schwimmbad mit ihrem Sohn ist gewagt. Wenn dann noch irgendetwas anderes unerwartet zu bezahlen ist, reicht das Geld nicht mehr. Das deprimiert, das macht einsam und nagt am Selbstbewusstsein – und zwar täglich. Geld alleine ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts – sagt der Volksmund.

Das deutsche Wort Geld leitet sich ab vom mittelhochdeutschen Wort gelten. Geld ist also das, was gilt. Das was zählt. Geld gibt den Dingen, auch den Tätigkeiten, ja sogar Personen einen Wert. Leute mit viel Geld genießen ein anderes Ansehen als arme Schlucker, Männer mit Geld finden immer eine Frau. Meistens noch eine recht Schöne. Tätigkeiten, die mit Geld entlohnt werden, zählen mehr in unserer Gesellschaft. Erhältst du nur einen Stundenlohn von 10 €, so ist diese Tätigkeit geringer angesehen, als wenn du etwas tust, was mit 60 € entlohnt wird. Erhalte ich ein Geschenk, von dem ich ahne, dass es mindestens 50 € gekostet hat, bewerte ich es in meinem Inneren höher, als ein Geschenk für 5 €.

Es ist verflixt schwer, sich diesen Wertungen zu entziehen. Sie sind tief in unser Bewusstsein eingegraben, sie lenken unsere Schritte…beim Einkaufen, beim Arbeiten, bei der Gestaltung unserer Freizeit.

Sprecher:
„Sprich einem Europäer vom Gott der Liebe – er verzieht sein Gesicht und lächelt. Lächelt über die Einfalt deines Denkens. Reich ihm aber ein blankes, rundes Stück Metall oder ein großes schweres Papier – gleich leuchten seine Augen. Es gibt viele, deren Hände sind krumm geworden, deren Augen sind blind geworden vom Zählen des Geldes. Es gibt viele, die haben ihre Freunde hingegeben, ihe Lachen, ihre Ehre, ihr Gewissen, ihr Glück, ja Weib und Kind.  Fast alle geben ihre Gesundheit dafür hin…! Das Geld allein ist der wahre Gott des Europäers, so dies Gott ist, was wir am höchsten verehren.“

Autorin:
Worte aus einer Rede des Südseehäuptlings Tuiavii: Ihr gebt zu viel für das Geld, höre ich. Ihr gebt Eure Zeit, eure Freunde, eure Kinder, eure Gesundheit.

Worte, die ein zwiespältiges Gefühl in mir hinter lassen. Einerseits fühle ich mich ertappt. Ja, für Geld machen wir viel. Wer die Wahl hat, einen kranken Nachbarn zu besuchen oder in demselben Zeitraum ein gutes Geschäft abzuwickeln…der würde vermutlich den Besuch beim Nachbarn zumindest auf später verschieben. Die bezahlte Tätigkeit ist wichtiger, wertvoller. Andererseits ist es eben gar nicht einfach, sich diesem Denken zu entziehen.

Sprecher:
„In einer Kultur, in welcher der materielle Erfolg der höchste Wert ist, darf man sich kaum darüber wundern, dass sich auch die menschlichen Liebesbeziehungen nach dem gleichen Tauschmuster vollziehen. Trotz unserer tiefen Sehnsucht nach Liebe halten wir doch fast alles andere für wichtiger als diese: Erfolg, Prestige, Geld und Macht. Halten wir nur das der Mühe wert, womit wir Geld verdienen…und ist die Liebe, die „nur“ unserer Seele nützt und die (…) keinen Gewinn abwirft, ein Luxus, für den wir nicht viel Energie aufbringen dürfen“

Autorin:
So Erich Fromm, ein großer Philosoph des letzten Jahrhunderts, der erst 1980 verstarb. Die Sache mit dem Geld ist vertrackt. Denn die Münze hat zwei Seiten. Sie schenkt uns Spielräume, Genuss, Ansehen, Wertschätzung. Aber sie zieht uns auch in ihren Bann, manchmal so sehr, dass wir den Wert anderer Dinge, wie den Wert einer Freundschaft, der eigenen Gesundheit, des Spielens mit den Kindern nicht mehr sehen. Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr – so beschreibt der Volksmund diese Zwiespältigkeit.

Gibt es ein Entrinnen? Gibt es die Möglichkeit, den unheilvollen Fängen des Geldes zu entkommen und nur das Positive mitzunehmen?
Gibt es die Möglichkeit, sich vom Geld nicht hetzen und treiben zu lassen, sondern souverän damit umzugehen? Voller Großmut und innerer Freiheit?

Jede Münze hat zwei Seiten. Geld zu haben macht frei und unabhängig und gleichzeitig bindet es unser Denken, macht es uns hungrig nach mehr. Drei Möglichkeiten, den unheilvollen Fängen des Geldes zu entrinnen, fallen mir ein.

Sprecherin: 
„Wirf deine Angst in die Luft,
bald ist deine Zeit um
bald wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends
Noch duftet die Nelke
Singt die Drossel
Noch darfst du lieben
Worte verschenken
Noch bist du das
Sei was du bist
Gib was du hast.“

Autorin:
Ein Gedicht von Rose Ausländer. Das Leben durchspielen im Wissen um den Tod: Wirf deine Angst in die Luft, bald ist deine Zeit um. Werde dir bewusst, was wirklich zählt. Der Duft einer Nelke, die Liebe, die du schenkst, das du bist, was du bist und geben kannst, was du hast.

Ich habe mich schon öfter gefragt, woran ich mich auf dem Sterbebett erinnern werde. Wofür ich Gott dann danken will: Vermutlich wird es so sein, wie in diesem Gedicht beschrieben: Für die Schönheit von Baum und Blume im Frühjahr, die milde Abendstimmung im Spätsommer, die ausgelassene Fröhlichkeit der Kinder, die Zärtlichkeit eines Menschen, die Liebe mit Haut und Haaren. Viele Menschen ordnen nach einer Krankheit ihr Leben neu. Setzen andere Wertmaßstäbe. Im Angesicht des Todes wird deutlich, was zählt – mehr all Geld. Das letzte Hemd hat keine Taschen - sagt der Volksmund. Noch darfst du lieben, sagt Rose Ausländer – also tun wir es doch. Worte verschenken – wieso nicht jetzt und gleich? Noch duftet die Nelke – habe ich überhaupt schon etwas Schönes gerochen, heute morgen, den Duft des Kaffees zum Beispiel und mich daran gefreut?

Eine zweite Strategie fällt mir ein: Das Danken. Viele Menschen nehmen sich abends Zeit, um Rückschau zu halten auf den Tag. Wenn es gelingt, sich ganz bewusst das anzuschauen, was gut war, was geleuchtet hat wie eine bunte Blume, was das Herz erfrischt hat…dann sind wir dem Dank sehr nah. Im Danken entdecken wir das Schöne. Wird die Fülle unseres Lebens sichtbar. In der Bibel stehen viele Dankgebete. Sie sind zum Teil zweieinhalbtausend Jahre alt und die, die sie gebetet haben, waren mehrheitlich keine reichen Leute, sondern arme Schlucker.

Sprecher:
Gott, es macht mir Freude, dir zu danken,
dich mit Liedern zu preisen,
frühmorgens deine Güte zu rühmen
und nachts deine Treue zu verkünden
zur Musik von Laute und Leier.
Gott, was du getan hast, macht mich froh.
(aus Psalm 92)

Autorin:
Ein Dankgebet aus der Bibel, Psalm 92. Das Danken ist eine Möglichkeit, um das in den Blick zu bekommen, was wert-voll ist im Leben – neben dem Geld. Es ist eine Möglichkeit, um unabhängiger zu werden von dem Geld. Denn dabei spüre ich, wie gut es mir geht, trotz allem. Dabei merke ich: Zu meinem Glück fehlt vielleicht gar nicht viel… zumindest nicht viel Geld, sondern womöglich ganz andere Dinge. Das dritte, war mir einfällt, ist das Teilen.

Sprecher:
„Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“

Autorin:
dieser Satz – auch aus der Bibel - ist relativ bekannt. Weniger bekannt ist, dass davor noch etwas anderes steht:

Sprecher:
„Jeder soll so viel geben, wie er es sich in seinem Herzen vorgenommen hat. Es soll ihm nicht leid tun, und er soll es auch nur geben, wenn er sich nicht gezwungen fühlt.“

Autorin:
Also kein Zwang, sondern ein Teilen, das dem fröhlichen Herzen erwächst. Der Apostel Paulus, der diesen Text geschrieben hat, hängt noch einen Gedanken an: Es ist so viel, was Gott euch jeden Tag schenkt, dass Ihr damit nicht nur für Euch selbst sorgen könnt, sondern auch noch reichlich Gutes tun könnt.

Seit 2000 Jahren sammeln die Christen in jedem Gottesdienst eine Kollekte ein – Geld, was Menschen freiwillig geben für andere. Diese Geste ist aus dem christlichen Glauben – und im Übrigen ist es bei den Juden und Muslimen nicht anders – nicht wegzudenken. Gott zu loben und zu danken und mit anderen zu teilen – das gehört zusammen. Aber auch unser Grundgesetz zielt in eine ähnliche Richtung: In Artikel 14 heißt es:

Sprecher:
„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“.

Autorin:
Im Teilen schenke ich anderen neue Möglichkeiten, aber ich gewinne auch selbst: Ich zeige, dass nicht das Geld über mich herrscht, sondern ich über das Geld. Ich gebe es uneigennützig aus der Hand, wann und wo ich will. Ich bin so frei, so unabhängig. Nicht ich diene dem Geld, sondern das Geld dient mir.

Autorin:
Vor mir liegt eine Karikatur. Ich sehe einen Verbrecher mit vermummtem Gesicht und einem riesigen Revolver in der Hand. Er zielt auf einen braven Mann in Anzug und Schlips. „Geld oder Leben“ schreit der Verbrecher. Der Mann schaut ihm ins Gesicht, zieht seine Stirn in Runzeln und hebt dann seinen Zeigefinger: Verschmitzt antwortet er: „Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie diese wichtige Frage stellen“.

Ich verabschiede mich von Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Antje Rösener, ich bin Pfarrerin der evangelischen Kirche und wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag …voller Licht und Leben.

 

Audiobeitrag Geld und/oder Leben


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