| |
Bespitzelt und gemobbt - wegen meinem Vater
Dóra Gyökössy ist 12 Jahre alt, als in Ungarn eine Revolution ausbricht. Menschen gegen Panzer. Das alles ist genau 50 Jahre her. Aber Sie erinnert sich genau daran.
O-Ton: Wir saßen ständig vor dem Radio, weil wir aus dem Haus nicht raus gehen durften. Mein Vater hat das nicht erlaubt, weil sehr viele Russen und Gewehre
und alles war auf den Straßen.
Autorin: In vielen Großstädten Ungarns wird gekämpft. Fast 14 Tage glauben die Ungarn, dass sie sich befreien können: von den sowjetischen Besatzern, von der kommunistischen Diktatur. Christdemokraten, Sozialisten, Arbeiter und Kirchenleute: sie alle haben am 23. Oktober 1956 vereint eine Revolution begonnen. Sie traten ein für die Unabhängigkeit ihres Landes, für freie Wahlen, Religions- und Meinungsfreiheit.
O-Ton: Dass muss ich sagen, diese paar Tage, die wir erlebt haben, das war einerseits sehr schön, fantastisch,
andererseits war das eine riesen Enttäuschung!
Autorin: Denn die Hoffnung endet jäh, als am 4. November sowjetische Panzer das Land zurückerobern. Für Dóra Gyökössy beginnt eine schwere Zeit. Denn ihr Vater ist ein bekannter Pfarrer und Psychotherapeut, der sich 1956 kritisch gegenüber der Regierung äußert. Als er von der Geheimpolizei gesucht wird, versteckt er sich. So umgeht er eine Inhaftierung. Aber seine Familie und er werden geächtet, bespitzelt und schikaniert. So durften die Kinder nicht auf das Gymnasium in ihrem Stadtteil, mussten in einen anderen Bezirk ausweichen.
O-Ton: Sie wollten das damit ausdrücken, dass ich nicht gerne gesehen bin und meine Familie, wenn wir gegen den Kommunismus sind.
Autorin: Als sie nach dem Abitur ein Studium absolvieren will wird ihr der Zugang zur Universität verwehrt. Nur über Umwege kann sie ein Fernstudium absolvieren, wird Biochemikerin.
O-Ton: In manchen Situationen musste ich sehr, sehr wie soll ich sagen, auf die Knie gehen und beten, dass ich mich versöhnen kann.
Autorin: Das war schwer. Zumal sie neben diesen Schikanen auch noch ständig bespitzelt wurde. Die meisten Spitzel waren ihr bekannt. Als sie nach der Wende einen Einblick in ihre Geheimdienstakte nimmt, ist sie trotzdem schockiert. Dass auch zwei Pfarrer darunter sind, damit hat sie nicht gerechnet. Es sind zwei Kollegen ihres Vaters. Einen der beiden sucht sie auf. Er ist schon alt und krank.
O-Ton: Ich habe ganz gerade gefragt: Warum haben Sie das gemacht? Er hat mir gesagt: Ich habe sehr viel Geld bekommen. Ich habe erwartet, dass er das bereut oder irgendwas, eine Aussage oder ich weiß nicht was. Aber nein
Autorin: Erwartet hat sie eine Entschuldigung. Die ist ausgeblieben. Trotzdem empfindet sie keinen Hass den Menschen gegenüber, die ihr damals Steine in den Weg gelegt haben.
O-Ton: Das einzige was hilft: der Glaube an Christus. Darauf kann man aufbauen das ganze Leben. Es war nicht immer einfach, die Leute lieb zu haben, aber Gott sei dank ist das dann doch gelungen.
Bespitzelt und gemobbt - wegen meinem Vater
|