Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.10.06, 7.45 Uhr, Pastorin Eva Zoske-Dernóczi

50 Jahre Ungarnaufstand 1956: Liebe im Schatten des Stalindenkmals

Lebhafter Verkehr im Zentrum von Budapest - auf dem ehemaligen Paradeplatz der Kommunisten ist jetzt eine Kirmes aufgebaut.

Vor 50 Jahren jedoch war dies einer der wichtigsten Schauplätze des Ungarnaufstandes vom Oktober 1956. Dort stand das acht Meter hohe Stalin-Denkmal. Das Symbol der verhassten russischen Fremdherrschaft. Hier treffen wir Katalin Cseri, die als Elfjährige erlebt hat, wie die Statue gestürzt wurde: 

O-Ton: Es waren tausende von Menschen und ich habe dann Stalins Kopf schleifend gesehen. Er ist zerstückelt worden. Die Menge war schon beängstigend. Innerhalb von paar Minuten hat mein Vater gesagt: „Komm wir gehen!“ Meine Mutter schimpfte und sagte: „Du nimmst das Kind! Das hat man fast totgetreten“. Ich habe sehr viel Unruhe gesehen: also Autos als Barrikaden noch in Erinnerung, Straßenbahnwagons umgekippt. Eine sehr, sehr beunruhigende und beängstigende Atmosphäre.

Autorin:
Kurze Zeit sieht es so aus, als habe das ungarische Volk sich befreit.  Doch am 4. November ’56 beginnt die Wende: Ungarn wird mit sowjetischen Bomben zurückerobert. Und der Westen sieht tatenlos zu.
Während viele junge Ungarn fliehen bleibt Katalin Cseri mit ihrer Familie im Land. Um nicht aufzufallen, muss sie auf dem Paradeplatz mit dem Stalindenkmal jedes Jahr am 1. Mai vor der Tribüne aufmarschieren.  

O -Ton : Wir mussten als Schulkinder stundenlang in der Hitze stehen, mit einem roten Tuch am Hals und natürlich in Uniform und warten bis wir losmarschieren können.

Autorin: Marschieren. Im Gleichschritt. Salutieren. Gerne hätte sie darauf verzichtet. Auch weil sie die kommunistischen Parolen und Freiheitslieder als Christin nicht befürworten konnte. Aber dies behielt sie für sich. Nicht auffallen. Sonst wird einem das Leben schwer gemacht. Katalins Verlobter Gyula jedoch fällt auf. Er ist Theologiestudent und er stellt unangenehme Fragen. Sein Bibelkreis fliegt auf und er wird festgenommen, muss später immer wieder zu Verhören. Seine Kirche unterstützt ihn nicht. In seiner Verzweiflung flieht Gyula Cseri 1968 über Jugoslawien nach Deutschland. Seine Verlobte Katalin lässt er zurück.   

O-Ton: Mir wurde gesagt, ich soll es unterlassen,  diese Verlobung. Es würde mir nicht empfohlen, diesen Mann für die Zukunft, der politisch auf der „schwarzen Liste“ ist, zu heiraten.

Autorin: Katalin Cseri tut es trotzdem. Sie folgt ihrem Verlobten ganz legal  mit Hilfe eines Stipendiums nach Deutschland. Beide leben und arbeiten seitdem dort als Pfarrerin und Pfarrer. Heute auf dem Platz des ehemaligen Stalindenkmals erinnert kaum noch etwas an die düstere Vergangenheit. Was empfindet Katalin Cseri, wenn sie heute auf diesem Platz steht - 50 Jahre später?

O-Ton : Tausende und tausende mussten hier marschieren. Ja und heute sehen wir hier einen Vergnügungspark aufgestellt und ich bin total happy, ich bin so glücklich. Es ist ein Zeichen von Frieden für mich.

Autorin: Und das sagt Katalin Cseri auch wenn in diesen Tagen viel demonstriert wird. Das Protestaktion überhaupt möglich sind, ist für ihre Generation neu. Denn erst seit 17 Jahren ist Ungarn demokratisch.

 

Audiobeitrag 50 Jahre Ungarnaufstand 1956: Liebe im Schatten des Stalindenkmals


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