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Kleiner Mann ganz groß
Marco war klein. Aber das wusste keiner. Das war sein Geheimnis. Als Kind und Jugendlicher hatte er darunter gelitten.
Pimpf, Zwerg, Winzling, schimpften sie ihn im Kindergarten und in der Schule. Weil er so klein war, blickte er zu allen hinauf und sie zu ihm hinab. Es war demütigend. Irgendwann nahm er dann sein Schicksal selber in die Hand. Nachts wenn seine Eltern schliefen, schlich er sich hinunter in den Keller an die Werkbank seines Vaters. Dort drechselte er kleine Unterlegscheiben, die er unter die Sohlen seiner Halbschuhe heftete. So wuchs er heimlich jeden Monat ein Stückchen. Je mehr er wuchs, umso mehr stieg er in der Achtung seiner Mitmenschen. Er war allerseits beliebt. Und dennoch war er distanziert vorsichtig. Ganz besonders bei Frauen, die seine Nähe suchten. Und dann begegnete er eines Tages Lilo. Lilo war atemberaubend schön. Sie hatte langes blondes Haar, gold-glänzend wie ein Kornfeld.
Er stand hinter ihr am Kaffeeautomaten, als sie sich ganz plötzlich zu ihm umdrehte und mit einem bezaubernden Lächeln fragte: Was willst du ? Cappuccino oder Latte Macchiato? Ich geb dir einen aus. Seine Knie wurden weich. Er hatte Angst vor dem Kontakt und dennoch Sehnsucht danach, sie kennen zu lernen. Sie blickte ihn forsch an: Na, was jetzt, und drückte auf Latte Macchiato. Sie tranken gemeinsam Latte Macchiato. Es war wunderschön. Er begehrte sie wie noch nie jemanden zuvor. Aber da war sein Geheimnis seine Angst sich vor ihr lächerlich zu machen. Viele Monate vergingen. Sie trafen sich jetzt regelmäßig und eines Abends nahm sie ihn mit hoch in ihr Zimmer.
Ich will dir was zeigen, sagte sie. Ja, ich weiß, sagte er und wollte das Licht ausmachen. Er hatte wahnsinnige Angst nackt und klein vor ihr stehen zu müssen. Nein , sagte sie lass das Licht an. Ich hasse Sex im Dunkeln. Schau her, sagte sie. Langsam fuhr sie sich mit der rechten Hand durch das lange blonde Haar. Dann hielt sie inne. Mit einem heftigen Ruck riss sie sich die Haare vom Kopf. Jetzt stand sie vor ihm ohne Haare mit einer blonden Perücke in der Hand. Mit der linken Hand strich sie sich über den kahlen Kopf und sagte: So bin ich wirklich. So wurde ich geboren. Mir sind nie Haare gewachsen. Nie. Er starrte sie fassungslos an. Und du?, fragte sie. Langsam streifte er seine Hose ab. Zog seine hohen Plateauschuhe aus, stieg aufs Bett, um wenigstens genau so groß zu sein wie sie. Hast du es gewusst?, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. Ich habe deinen Schmerz gesehen, sagte sie.
Und dann liebten sie sich in einem atemberaubenden Tempo. Als sie dann völlig erschöpft neben einander lagen, nackt und bloß so wie Gott sie geschaffen hatte, beugte er sich zu ihr hinüber und sagte: Du bist wunderschön wirklich wunderschön. Und nach einer Weile nahm sie seine Hand und sagte: Weißt du was, für mich bist du der Allergrößte. Der Allergrößte, wiederholte er in Gedanken. Und zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl, dass seine Wunde zu heilen begann. Der Allergrößte, und er ließ seine Seele in ihren geöffneten Armen baumeln.
Kleiner Mann ganz groß
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