Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.10.06, 7.45 Uhr, Pastorin Ruthild Busch

Gott segne und behüte dich

Als ich dich das erste Mal nach der grauenvollen Entbindung sah, da lagst du auf der Intensivstation in der Kinderklinik.

„Erschrecken Sie nicht“, sagte die Krankenschwester zu mir, bevor ich den Raum betrat und an dein Bettchen geführt wurde. „Achten Sie nur auf Ihr Kind. Starren Sie nicht auf all die Kabel und Schläuche, die an Ihrem Kind kleben und aus ihm herausschauen. Betrachten Sie Ihr Kind und lassen Sie sich nicht von dem ständigen Piepsen und Rauschen der Beatmungsgeräte irritieren“.

Wenn ich ehrlich bin, hab‘ ich sie im ersten Moment auch nicht wahrgenommen- diese Schläuche, die überall in dir steckten und dein Blut zirkulieren ließen. Auch das Rauschen der Beatmungspumpe habe ich nicht gehört, auch nicht den Bildschirm gesehen, der deine schwache Herzfrequenz aufzeichnete, obwohl er direkt über deinem Bettchen hing. Dich habe ich gesehen – mein kleiner Sohn – Dich! Wie durch einen Schleier hindurch, denn mir standen die Tränen in den Augen und vor Angst habe ich auch nichts gehört. Ich war wie in Watte gepackt. Betäubt vor Schmerz.

Aber ich habe dich gesehen – deine kleine Hand, deine Füße, deine schönen Lippen. Du sahst wunderbar aus, und ich wollte es dir sagen, aber meine Zunge klebte am Gaumen fest – ich fühlte mich wie ausgebrannt, mein Körper glühte, als hätte ich Fieber. „Sprechen Sie zu Ihrem Kind“, sagte die Intensivschwester liebevoll. „Es kennt Ihre Stimme, sie wird ihm gut tun“. Ich machte den Mund auf, aber brachte keinen Laut heraus – nicht einen einzigen – ich war sprachlos vor Schmerz und Entsetzen. Deine Überlebenschancen waren so gering. Und der Gedanke, dich wieder hergeben zu müssen, ohne dich je richtig gekannt zu haben, raubte mir alle meine Kräfte. Und so saß ich neben dir an deinem Bettchen: Stumm und starr.

„Sie dürfen Ihr Kind ruhig berühren“. “Streicheln Sie seinen Kopf“, sagte die Intensivschwester und sie nahm meine Hand und legte sie auf dein Köpfchen. Es war so warm und so vertraut – und so ließ ich dort meine Hand liegen. „Gott segne und behüte dich“ – ich habe diese Worte nicht sprechen können, aber ich habe sie in Gedanken an dich weitergegeben. „Gott segne und behüte dich“ – ich kann jetzt nichts für dich tun – jetzt ist Gott selbst an der Reihe, dieses Grauen zu wenden – dich leben zu lassen, dich zu behüten in all dem Wahnsinn. „Gott segne und behüte dich“ – über viele Monate hinweg war dieses Ritual, diese Berührung unser einziger Kontakt. Aber diese Berührung verbunden mit jenen uralten Segensworten hatten die Kraft dich zu retten, zu bewahren- schenkten dir Leben.

Musik: Spieluhr „Over the rainbow“

Und jetzt liegst du hier zu Hause in deinem Bettchen ganz ruhig und atmest. Ein Wunder – ein Geschenk des Himmels. „Gott segne und behüte dich“ – das wünsche ich dir dein ganzes Leben lang – dass die Kraft Gottes, die dich vom Tode errettet  hat auch weiter trägt – immer und immer wieder. Deine Mama

Audiobeitrag Gott segne und behüte dich


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