Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.10.06, 6.56 Uhr, Antje Borchers

Machen wir es wie Mamelodi

Lebensträume. Egal, wen man fragt, jeder Mensch erträumt sich schöne Dinge für das Leben: Erfolg, Glück.

Zum Beispiel Nella aus Estland: »Ich träume davon, das Abitur zu machen, auf eine Hochschule zu gehen und als Professorin für Geschichte zu arbeiten.« Oder Sophie aus Frankreich: »Ich träume oft, dass der Weihnachtsmann existiert, dass er rumreist und dass alle Kinder in der Welt – arm oder reich – Geschenke bekommen. Ich träume von einer Welt ohne Krieg.« – Wovon träumen Sie? Wenn Sie mich fragen: Ich träume davon, dass ich meine Gefühle offen äußern kann, dass mein Gegenüber meine Offenheit nicht ausnutzt, dass ich keine Angst vor Verletzungen haben muss. Ich erträume mir, dass ich in Verhandlungen keine taktischen Spielchen spielen muss, dass ein Ja ein Ja ist und dass niemand einen anderen übers Ohr haut. Beim Schriftsteller Rudolf Otto Wiemer fand ich meinen Traum in  Bilder gefasst:

Die Erde ist schön, und es lebt sich leicht im Tal der Hoffnung.
Gebete werden erhört. Gott wohnt nah hinterm Zaun.
Die Zeitung weiß keine Zeile vom Turmbau.
Das Messer findet den Mörder nicht. Er lacht mit Abel.
Das Gras ist unverwelklicher grün als der Lorbeer.
Im Rohr der Rakete nisten die Tauben.
Nicht irr surrt die Fliege an tödlicher Scheibe.
Alle Wege sind offen. Im Atlas fehlen die Grenzen.
Das Wort ist verstehbar. Wer Ja sagt, meint Ja, und
Ich liebe bedeutet: jetzt und für ewig.
Der Zorn brennt langsam. Die Hand des Armen ist nie ohne Brot.
Geschosse werden im Flug gestoppt.
Der Engel steht abends am Tor.
Er hat gebräuchliche Namen und sagt, wenn ich sterbe: Steh auf.

Wunderbare Bilder. Ein Traum von einem Leben. Auf der ganzen Welt träumen Menschen diesen Traum. Trotzdem klappt es nicht mit dem friedlichen Zusammenleben. Trotzdem brennt der Zorn schnell. Trotzdem gibt es Krieg. Warum schlagen wir Menschen uns die Köpfe ein? Zum Beispiel in Israel und Palästina? – Ich glaube: Das, was vielen Israelis und Palästinensern so schwer fällt, ist das, was Leuten wie mir und dir schwer fällt: sich zu versöhnen. Ich träume zwar von freundlichem und friedlichem Zusammenleben, aber ich bin oft unversöhnlich. Zum Beispiel streite ich mich manchmal so heftig mit Leuten, dass ich wütend denke: So, jetzt reicht es mir, den werde ich nie mehr angucken. Aber die Mütter von Mamelodi in Südafrika zeigen mir: Für meinen Traum muss ich über meinen Schatten springen. Die Söhne oder Ehemänner dieser Mütter wurden in der Zeit der Apartheid von der Polizei zu Tode gefoltert. Und nun sagt Adrian Vlok, der ehemalige Polizeiminister und einer der schlimmsten Verbrecher der Apartheid, Gott habe ihn bewegt, sich zu ändern. Darum hat er die Mütter von Mamelodi um Vergebung gebeten. Zum Zeichen dafür hat er ihnen die Füße gewaschen. Eine Geste der Demut, die aus einer biblischen Geschichte stammt.

Eine der Frauen, deren Gesicht die Spuren des Leidens trägt, sagt: »Ich will, dass so etwas wie Apartheid nie wieder geschieht und deshalb müssen wir alles tun, damit wir Frieden machen.« Diese alte weise Frau ist Laienpredigerin in ihrer Gemeinde und sagt: »Wie kann ich predigen 'Du sollst deinen Nächsten lieben' und erfülle das Gebot selbst nicht, weil ich so wütend bin und nach Rache trachte!? Rache bringt meinen Sohn nicht zurück. Nichts bringt meinen Sohn zurück. Aber ich habe mein Herz nun wieder weicher gemacht. Ich will vergeben, damit wir weiter leben können.« Für den Traum von der friedlichen Welt müssen wir selber etwas tun – Sie und ich und die Mütter von Mamelodi. In der Familie, mit den Arbeitskollegen, mit allen, die uns Unrecht tun. Versöhnung braucht Sie und mich, unsere ausgestreckten Hände, unsere Bereitschaft zur Vergebung. Und weil Gott die Kraft zur Versöhnung gibt, kann der Traum wahr werden.

Audiobeitrag Machen wir es wie Mamelodi


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