Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.10.06, 6.56 Uhr, Antje Borchers

Wahnsinnsträume

Es gibt nicht nur schöne Träume, es gibt auch mörderische. Der Traum von der heilen Welt kann zum Horror werden.

Am Mittwoch, 11. Oktober 1916 ordnete das preußische Kriegsministerium eine Zählung der wehrpflichtigen Juden an. Die Juden waren empört. Gerade sie hatten sich gegenseitig zur Teilnahme am Krieg aufgefordert. Sie wollten zeigen: »Wir deutschen Juden kennen trotz aller Anfeindungen in den Zeiten des Friedens keinen Unterschied gegenüber anderen Deutschen. Brüderlich stehen wir mit allen im Kampfe zusammen.« So schrieb die Jüdische Rundschau zu Kriegsbeginn. Aber der gemeinsame Kampf führte nicht zum erwarteten schnellen Sieg, und  in den Schützengräben starben die Soldaten elendig. Der Unmut wuchs, man brauchte einen Blitzableiter. Wie so oft suchte man sich die Juden aus: Sie seien feige Drückeberger. Sie seien an der Front nicht zu finden. –  Die Ergebnisse der Judenzählung zeigten aber, dass der jüdische Anteil an Soldaten und auch an Getöteten dem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprach. Doch das interessierte schon keinen mehr: Nach dem 11. Oktober nahmen die Feindseligkeiten gegen jüdische Soldaten sprunghaft zu. Zwei Jahre später, kurz vor Kriegsende bildet sich der so genannte Judenausschuss. Dessen erklärtes Propagandaziel lautet: »die Juden als Blitzableiter für alles Unrecht zu benutzen«. – Blitzableiter für alles. Unfassbar, wie einfach die sich das damals gemacht haben. Aber es funktionierte. Menschen lieben einfache Antworten, lösen Probleme gern im Schwarzweiß-Schema. Zum Beispiel: Die Arbeitslosigkeit wäre schnell gelöst, wenn alle arbeitenden Frauen zurück an den Herd gingen. Oder: Die Achse des Bösen werde von fünf Staaten gebildet. Einfache Erklärungen, gefährlich verallgemeinernd: eine Ursache, eine Wirkung. – So drückt sich die Sehnsucht aus, das Leben wieder zu verstehen, sich zurechtzufinden. Darum muss man die Welt schwarzweiß reden, damit man Gut und Böse kennt und das Böse ausrotten kann.

Aber eine heile Welt kann nicht über Blutvergießen oder Rufmord hergestellt werden. Die Bibel malt ein ganz anderes Bild von einer heilen Welt. Sie spricht vom Reich Gottes, in dem Christus regiert, der die Liebe ist, und in dem die Menschen nach seinen Maßstäben handeln. In diesem Reich breitet sich der Frieden aus wie ein Strom, Frieden und Gerechtigkeit küssen sich, Lamm und Löwe liegen beieinander. Die vermeintlich Guten und die vermeintlich Bösen vertragen sich. Ein wahrhaft biblischer Traum.

Wie der Traum der Deutschen damals weiter ging, das wissen wir. Adolf Hitler träumte vom 1000-jährigen Reich: Darin sollten die Deutschen regieren und es sollte sauber sein von allen vermeintlich Bösen. Dafür ließ Hitler das Blut der Völker fließen. Ein mörderischer Traum, den viele mitträumten. Etwa 170 Jahre vor Hitler meinte Johann Gottfried Herder, ein Freund von Goethe: Wovon ein Volk träumt, die Seele eines Volkes, ist in seinen Liedern und in seiner Sprache zu finden. – Im Hitler-Deutschland war es zum Beispiel das Lied: »...heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.« Im heutigen Deutschland sind es vielleicht die Schlagzeilen unserer Zeitungen, schwarz auf weiß und ziemlich vereinfachend.

Da singe ich doch lieber diese Zeile: Das Leben in Gottes Welt ist kompliziert, aber viel schöner.

Audiobeitrag Wahnsinnsträume


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen