Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.10.06, 8.56 Uhr, Antje Borchers

Drei Fragen an einen Traum

Manchmal wache ich morgens auf und weiß, ich habe merkwürdig geträumt. Ich fühle das eher, als dass ich mich wirklich erinnere.

Am Tag tauchen dann immer mal wieder einige Traumfetzen aus meinem Unbewusstsein auf und stören mich ein bisschen. Muss ich mir darüber nun Gedanken machen oder nicht? Sollen Träume mir etwas sagen? Meldet sich in Träumen womöglich Gott zu Wort?

Die Meinungen darüber sind sehr geteilt. Sicher ist nicht jeder Traum gleich Gottes Wink mit dem Zaunpfahl. Aber Gott nutzt viele Wege, um mit uns Menschen Kontakt aufzunehmen, manchmal eben auch Träume. In der Bibel heißt es zum Beispiel: Gott zeigte den Weisen aus dem Morgenland im Traum, dass sie nicht mehr zu Herodes zurück gehen sollten. – Wie den Dreien das klar wurde, dass Gott zu ihnen geredet hatte, das steht nicht in der Bibel. Ich stelle mir vor, dass sie sich sehr lange über ihre Träume unterhalten haben.  Genau das können wir heute auch machen. Bei manchen Träumen lohnt es sich, ihnen auf die Spur zu kommen. Drei Fragen aus der seelsorgerlichen Traumarbeit können dabei helfen.

Die erste Frage lautet: Wie war dein Gefühl, als du wach geworden bist? Dieses Gefühl ist das Eingangstor in die Deutung des Traums. Eine junge Mutter zum Beispiel träumte, dass sie in einem Park spazieren ging. Plötzlich springt ihr ein Eichhörnchen auf die rechte Schulter. Sie erschrickt und wacht auf. Als sie länger drüber nachdachte, erinnerte sie sich an weitere Gefühle: nämlich Trauer und Einsamkeit. Sie wusste nicht so recht, was sie in dem Park sollte. Interessant ist zu prüfen, ob man die Gefühle des Traums auch vom Tag her kennt.

Die zweite Frage fragt nach der Realität: Wo hast du diese Elemente oder Personen in der Realität angetroffen? Die Mutter erinnerte sich an einen Park, in dem sie öfter spazieren geht. Aber das Eichhörnchen? Nach einiger Zeit fiel ihr ein Zeichentrickfilm ein, den sie mit ihren Kindern gesehen hatte. Da sprang ein Eichhörnchen in einem drehenden Rad herum und kam und kam nicht von der Stelle. – Die Träumerin hat aus dem Eichhörnchen im Rad ein Eichhörnchen gemacht, das ihr auf die Schulter springt.

Die dritte Frage lautet: Was ist das Zentrum des Traums? Für die Träumerin ist es nicht die Frau, die im Park wandelt, sondern das springende Eichhörnchen. Sie erinnerte sich auf einmal, dass sie beim Fernsehen gedacht hatte: »So ist das Leben«, ein sinnloses Rennen im Rad bis zum Umfallen. Diesen Gedanken hatte sie im Alltagstrott wieder vergessen, aber mit ihrem Traum rief sie ihn sich zurück. Im weiteren Gespräch entdeckte sie ihr persönliches Sinnbild des Traumes. Sie sagte: Ich selbst fühle mich wie das Eichhörnchen im Rad. Das bin ich, so sinnlos sehe ich das Leben. – Eine ziemlich traurige Erkenntnis. Aber Gott sei Dank hat die Frau auch von dem quicklebendigen Eichhörnchen geträumt. Von dessen Energie fühlte sie sich angezogen. Sie verstand eine Verheißung für sich: Bleib nicht in diesem Rad drin, du musst es nicht, du kannst heraus. Bleib nicht in deinem Lieblingsgefühl.

Am Ende des Traumgesprächs war für die Frau klar: Gott, der das Denken und Fühlen geschaffen hat, hat ihr auch die Fähigkeit zu träumen gegeben. – Sie will jetzt für ihr Leben einen anderen Weg einschlagen. Sie vertraut auf Gottes Unterstützung, dass das gelingt. – So hat der Traum seinen vollen Sinn gefunden: Die Frau ist im Gespräch mit Gott und tastet sich auf einen neuen Weg. – Anregende Träume wünsche ich Ihnen!

 

Audiobeitrag Drei Fragen an einen Traum


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