Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.10.06, 5.56 Uhr, Antje Borchers

Das Eva-Prinzip in aller Munde

Seit letztem Samstag ist die Ex-Tagesschausprecherin Eva Herman auf Reisen, sie liest aus ihrem Buch »Das Eva-Prinzip« vor.

Überall muss sie zu ihrer Forderung nach der neuen Weiblichkeit Rede und Antwort stehen, überall reagieren die Leute: im Gespräch, in Leserbriefen, in Internetforen. Das Eva-Prinzip ist in aller Munde. Manche haben selten so gelacht angesichts des Doris-Day-Ideals, andere weinen vor Zorn, weil ihr Kampf um Gleichberechtigung von Mann und Frau verloren scheint.

Ich finde gut, dass dieses Buch in aller Munde ist. Dabei interessiert mich nicht so sehr, was Eva Herman von sich gibt. Denn für mein Leben ist das egal. Ich versuche ja doch, meine Situation mit meinen Möglichkeiten zu bewältigen. Und auch für die Politik ist es egal, denn das Eva-Prinzip wird politisch keine Auswirkungen haben.

Zwei ganz andere Dinge interessieren mich, die ich ohne Eva Herman nicht so medienwirksam erfahren hätte: Was sagen Politikerinnen und Politiker zu diesem Thema? Denn sie machen die Gesetze, die für mein Leben ganz und gar nicht egal sind. Und: Was sagen die kleinen Leute ? In der Nachbarschaft, auf der Arbeit, in den Internetforen und sonst wo. Mit diesen Leuten muss ich im Alltag auskommen, was für mein Leben ebenfalls ganz und gar nicht egal ist. Leider kämpfen einige ganz schön gegeneinander: Karriereweib gegen Heimchen am Herd, Trümmerfrauen gegen heutige allein erziehende Mütter, Männer gegen Frauen, DDR gegen BRD. Natürlich kann man sich gegenseitig Scheitern vorwerfen, natürlich kann man den eigenen Lebensentwurf als absolut hinstellen. Und wenn ich schon weiß, jemand haut auf mich drauf, sobald er nur hört, dass ich keine Kinder habe, dass ich sechs Kinder habe, dass ich in einer Patchworkfamilie lebe, … dann werde ich bestimmt keine Schwierigkeiten eingestehen. Stattdessen lege ich mir einen Panzer zu und haue selbst zurück.

Aber: Damit verplempern wir eine Chance, nämlich die, ein wirklich gutes Prinzip anzuwenden. Das Christus-Prinzip: Einer trage des Anderen Last. Damit haben wir die Chance, ohne Panzer über unsere eigenen Erfahrungen zu reden und andere Lebensentwürfe zu hören. Wir können uns gegenseitig – in aller Bescheidenheit – Tipps geben oder auch ganz praktisch helfen: beim Wäschebügelberg, beim Sandkastenbauen, beim Ich-weiß-nicht-was. Und selbst wenn es dazu nicht kommt, weil der eigene Alltag so voll ist: Manchmal tut es gut, einfach nur von sich zu erzählen, zu wissen, die Andere hört mir zu, weiß nun Bescheid und begleitet mein Ergehen – so wie ich seins. Das hätte Auswirkungen auf unser Leben. Also: Legen wir »Das Eva-Prinzip« beiseite und greifen wir zum Christus-Prinzip – für eine neue Menschlichkeit.

 

Audiobeitrag Das Eva-Prinzip in aller Munde


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