Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.10.06, 7.45 Uhr, Pastorin Ruthild Busch

Der Mann am Kreuz

Es war eine schwierige Beerdigung. Denn eigentlich gab es nichts, aber auch gar nichts, was man an Gutem über Herrn Meier hätte sagen können.

Der dreifache Familienvater hatte durch sein rücksichtsloses Verhalten seine ganze Familie in Verruf gebracht. Man hasste ihn dafür im Dorf und  das vielleicht sogar mit Recht. Der Pfarrer, der die Beerdigung zu halten hatte, wusste von alle dem. Er kannte Herrn Meier und hatte vor seinem Tod öfters die Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen. Und so stand er nun vor der Trauergemeinde und sagte :
„Ich weiß, was sie über Herrn Meier denken. Ich möchte Ihnen dennoch von einem Gespräch mit ihm berichten, das ich noch kurz vor seinem Tod mit ihm führte.

Herr Meier hatte mich zu sich eingeladen. Und so saßen wir in seinem Wohnzimmer und tranken Kaffee. Das Gespräch kam nicht so richtig in Gang. Es stockte immer wieder. Und  während ich so da saß und in die Gesprächsstille hineinlauschte, hörte ich immer und immer wieder ein feines, eine Art metallisches Klingen . Ungefähr so: Dingdingding. Das Geräusch war so unglaublich angenehm, so dass ich Herrn Meier fragte, wo denn das Geräusch herkäme.
„Vom Fenster“.
Ich drehte mich zum leicht geöffneten Fenster. Dort hing am Fenstergriff ein kleines Messingkreuz, auf dem eine Jesusgestalt abgebildet war. Durch das geöffnete Fenster hindurch, bewegte der Wind ganz leicht dieses Kreuz, so dass es sanft gegen den Fensterrahmen schlug und dingdingding machte.
“Von einem Künstler aus Brasilien“.
„Schön – sehr schön“.
„Ich hätte besser auf ihn hören sollen“.
„Auf wen?“
„Auf den, der da am Kreuz hängt, dann wäre vieles anders gekommen“.
Schweigen.
„Es tut ihnen leid, was Sie getan haben?“
„Ja, aber da kann man nichts mehr machen. Ich hoffe nur, dass der Mann am Kreuz beide Augen zudrückt, wenn ich mal vor ihm stehe“.
„Warum zudrücken? Ich fänd‘ es besser, er blickt Sie an, sieht genau, was sie getan haben und vergibt Ihnen“.
Schweigen.
„Meinen Sie, er würde das tun?“
„Ja, das würde er“.
„Auch wenn die anderen mich da draußen hassen und verfluchen?“
„Ja, gerade dann. Er möchte Ihnen helfen. Es tut ihm in der Seele weh, Sie am Abgrund stehen zu sehen“.

Herr Meier blickte mich lange an. Dann fing er an zu weinen. Es waren Tränen der Reue, aber auch der Erleichterung, von Gott geliebt und angenommen zu sein, getragen  und gerettet zu werden . Er konnte in Frieden sterben, weil er darauf vertraute, dass Gott das Schlechte und Böse in seinem Leben zum Guten wendet.“.

So schloss der Pfarrer seine Beerdigungsansprache. Tiefe Betroffenheit herrschte in der kleinen Kapelle und zugleich atmete die Familie von Herrn Meier auf. Nicht länger waren sie die Geächteten. Nicht die Meinung der Dorfgemeinschaft über ihren Vater sollte Bedeutung haben, sondern der Mann am Kreuz, der ganz zart eine neue Melodie in ihr Leben hauchte.

Audiobeitrag Der Mann am Kreuz


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