Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.09.06, 10.00 Uhr, Pfarrerin Martina Espelöer

Die Heilung der Zehn Aussätzigen

Und es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch das Gebiet Samarien und Galiläa zog.

Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne, weil sie nicht in die Nähe von Menschen kommen durften. Und erhoben ihre Stimme und riefen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und als Jesus sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die Zehn rein geworden? Wo sind die anderen neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und Jesus sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

Predigt Pfarrerin Espelöer:
Einer kehrte um, liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer. Einer von zehn. Wie kann das sein? Da flehen die Kranken erst lauthals um Hilfe und Jesus erhört sogar ihre Bitte und dann sind sie noch nicht einmal in der Lage, umzukehren und ihm zu danken. Jesus selber ist auch irritiert. „Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die neun?“ Wir können uns sicher schnell miteinander verständigen: das ist ein unmögliches Verhalten der Geheilten. Allerdings: wenn wir mal darüber nachdenken, wie das so mit uns ist, dann kommt uns möglicherweise ein solches Verhalten nicht mehr ganz so fremd vor. Habe ich selber schon einmal gedacht: Halt, stopp; da gehe ich noch einmal zurück. Schreibe eine Karte, schicke einen Blumenstrauß, klingle an der Tür – nach einer besonders schönen Feier, oder einige Zeit nach einer Entlassung aus dem Krankenhaus? Und sag „Danke“?

Besonders wenn schon etwas Zeit verstrichen ist, fällt manchem ein solcher Gang schwer. Dann wird alles sehr wichtig und jedes Wort zählt. Man bringt sich schon innerlich beim Nachdenken darüber in eine schwierige Situation. Und die Hürden werden immer höher. Vielleicht ist es einigen von diesen neun Geheilten so gegangen. Sie sind zurückgeschreckt vor ihren eigenen Gefühlen, fürchteten sich vor ihren möglichen Tränen und haben es deshalb nicht mehr geschafft, zurückzugehen, um Jesus zu danken. Andere haben es vielleicht auch einfach für selbstverständlich gehalten. Sie haben Jesus gebeten, er hat sie geheilt, so wie es sich gehört und fertig. Wer weiß?

Wer dankt begibt sich wie der Bittsteller in eine untergeordnete Position. Er erkennt an: ich habe etwas von einem anderen bekommen, was ich selber nicht zustande gebracht hätte, was ich mir selber nicht hätte geben können. Ich bin bedürftig und kann mir nicht alles selber sein. Ich brauche andere, die mir etwas geben: Hilfe zur Heilung, einen freundlichen Blick, Zeit, Zuwendung, ein Dach über dem Kopf. Ich erkenne: ich bin längst nicht das, was ich habe, sondern vielmehr das, was ich von einem anderen brauche.

Der Liederdichter Herrmann van Veen drückt das in einem Lied so:
Alles, was ich hab, hab ich von einem andern. Alles, was ich geb, geb ich einem andern. Alles, was ich hab, ist ein Name nur und den hab ich von einem andern. Alles, was ich tu, tu ich für einen andern, alles was ich nehm, nehm ich von einem andern. Alles, was ich hab, ist ein Name nur, und den hab ich von einem andern.  – Nur meine Gänsehaut ist von mir selbst.

Einer kehrte um.
Alles fing an mit einer flehentlichen Bitte:  „Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser.“ Eine Bitte an Jesus, also ein Gebet. Die Aussätzigen sind in großer Not. Ihre  Hautkrankheit, ist hochansteckend und tödlich. Sie durften nicht mehr in ihren Familien und Dörfern leben, sondern abgesondert und isoliert an abgelegenen Orten. Sie waren in einer elenden Lage. Das kennen viele von uns ja aus eigener Erfahrung. Nicht genug, dass man eine schlimme Krankheit bekommt und damit fertig werden muss. Dann wenden sich oft auch mit der Zeit die Freunde ab. Sie wissen nicht mehr, was sie sagen sollen, fürchten sich vielleicht vor der Konfrontation mit dem, was an der Krankheit hässlich oder lebensbedrohlich ist – und bleiben weg. Das ist dann besonders schlimm: Nicht mehr dazugehören dürfen, außen vor sein und nicht mehr angesehen werden.

Als Jesus in der Nähe des Ortes vorbeigeht, sehen die Aussätzigen ihre Chance, wie Menschen in Seenot, die einem Flugzeug wild zuwinken. Sie rufen und schreien. Das ist der Strohhalm. Von ihm hatten sie gehört, dass er helfen kann. Sie versuchen es. Sie beten. Und es war nicht zu fassen. Es hat funktioniert! Jesus hat sie erhört. Ihre Haut wurde zusehends rein. Ein Wunder ist geschehen. Manche von ihnen hatten lange nicht mehr gebetet und schon gar nicht zu Jesus, oder sie gehörten sogar zu einer anderen Religionsgemeinschaft. Und trotzdem: Jesus hat keinen Unterscheid gemacht. Er hilft  hier allen, die Hilfe brauchen und um Hilfe bitten.

Musik: Evangeliumsmotette

Was ist aber jetzt mit mir? mögen Sie fragen Ich habe auch gebetet und gefleht und bin aber nicht gesund geworden. Vielleicht sagen Sie: Ich würde ihm ja gerne danken – aber er hat mich im Stich gelassen. Warum ist das so? Darauf kann ich keine Antwort geben. Und wenn ich eine Antwort geben würde, wie sollte die denn aussehen? Sollte man sich anmaßen einem Kranken zu sagen: Du hast eben nicht genug gebetet oder du hast nicht intensiv genug darum gebeten oder die Zeit ist noch nicht reif oder du bist selber schuld? Lauter merkwürdige Begründungen könnte man hervorholen, die alle dazu führen würden, dem der leidet, das Herz schwer zu machen. Außerdem erwecken solche Antworten den Eindruck, man selber müsste nur alles richtig machen, dann würde man eben gesund. Das ist ein Trugschluss und viele, die eine lange Leidensgeschichte hinter sich haben, wissen das. Aber auch wenn es keine Antwort gibt, die jemand von außen geben könnte, muss hier unser Nachdenken über den Zusammenhang von krank und gesund sein nicht zu Ende sein.  Krankheit erscheint uns meistens als etwas, dem man entgegentreten kann. Man sucht einen Arzt auf und dann kommt wieder – schnell oder langwierig-  alles  in Ordnung. Und es ist auch wirklich schön, wenn das gelingt.

Aber die Erfahrung zeigt uns, dass der Vorgang des Heilwerdens nicht durch einem Knopfdruck geschieht. Und nicht jeder, der krank ist, leidet gleichermaßen. Gesundheit  ist viel umfassender als die Abwesenheit von Krankheit und hat viele Gesichter.. So kann es durchaus sein, dass sich jemand, der im Rollstuhl sitzt, gut und heil fühlt im Gegensatz zu einem Sportler, der gerade an einer Bänderzerrung leidet. Heilung kann auch dort geschehen, wo zwar die Krankheit bleibt, aber jemand endlich wieder angesehen wird wie ein „angesehener“ Mensch; es kann bedeuten, seinen Frieden mit einer unabänderlichen Situation geschlossen zu haben; oder  sich endlich etwas von der Seele reden zu können; oder in einer großen Dunkelheit einen unverhofften Zuspruch zu erfahren. Vieles könnten wir hier noch  zusammentragen und erzählen und könnten doch nicht abmildern, dass viele Menschen schrecklich unter einer Krankheit zu leiden haben und ihnen nichts anderes übrig bleibt, als damit zu leben. Andere Menschen können dann helfen, indem sie demjenigen  in dieser Situation beistehen und damit Licht in das Krankenzimmer bringen.

Aber letztlich bleibt uns nur, über die Geschichte von den zehn Geheilten hinaus zu schauen auf Jesus selber, der einen Leidensweg gegangen ist, der ihm nichts erspart hat. Er ist diesen Weg gegangen, damit wir unsere Wege mit seinem verbinden können -  damit wir Trost finden in der Hoffnung, dass er auferstanden ist und die Welt überwunden hat. Hier begegnen wir der anderen Dimension des Betens, in der  der Betende  sich nur noch ergibt in den Willen des anderen, der nicht sein eigener ist. Ein Ort tiefster Schmerzen und tiefster Freude.

In der Geschichte von den zehn Aussätzigen geht keiner enttäuscht weg und muss sich auch nicht die Frage stellen, der wir gerade nach gegangen sind: Warum ich nicht? Nun scheint es uns eigentlich noch empörender, dass nicht alle zurücklaufen und rennen und sich kaum halten können vor Dankbarkeit.. Es ist nur einer, dem bewusst wurde, welche Ungeheuerlichkeit ihm hier widerfahren ist. Und Jesus mag zwar etwas enttäuscht sein „Wo sind die neun?“ – aber er nimmt die Heilung nicht zurück.– Dank hin oder her. Alle zehn haben die Hilfe aus seiner Kraft erbeten und er hat sie in dieser Geschichte keinem verwehrt. Er hat nicht nach Vorbedingungen gefragt,  und danach ob sie den richtigen Glauben haben oder woher sie kommen Nicht der „richtige“ Glaube und schon  gar nicht die Herkunft, spielten dabei die entscheidende Rolle, sondern allein ihr Vertrauen.

Das Gesundwerden dieser Zehn ist und bleibt ein Geschenk, das mehr Fragen als Antworten in uns auslöst. Aber es führt uns vor Augen, dass wir uns immer wieder erinnern können an die Wohltaten, die uns entgegengekommen sind, kleine oder weltbewegende. Die Erinnerung und das Zurückkehren an die äußeren oder inneren Orte, an denen wir das erlebt haben, wird auf jeden Fall unser Herz stärken und zur Heilung unserer Seelen beitragen. Einer kehrte um. Waren Sie schon einmal so jemand?

Ein Mann sagt:  Ich gehöre zu denen, die es NICHT geschafft haben, einmal umzudrehen und ich möchte es  hier erzählen:
Als Kind hat mein Opa, der selber ein sehr gläubiger Mann war, mir viel gegeben. Er hatte immer Zeit für mich und mir alles erklärt. Mit ihm war es nie langweilig. Wir gingen zusammen in den Keller um z.B. Holz zu hacken und Briketts zu stapeln oder wir kochten mein Leibgericht „Buttermilchkartoffeln“. Abends las er aus der Bibel und am Sonntag nahm er mich mit in die Kirche – Pauluskirche, rechte Seite, siebte Reihe. Nach der Schule wartete er schon immer an der Haustür auf mich, um mit mir Hausaufgaben zu machen. Ich habe nie ein böses Wort von meinem Opa gehört. Durch ihn habe ich wirkliche Güte erfahren. Als er im Sterben lag, habe ich ihn zwar besucht, aber ich habe es nicht geschafft, mich bei ihm für alles zu bedanken  - was mir im Nachhinein leid tut. Vielleicht hat er gespürt, was in mir vorging und mich verstanden. – Heute denke ich, dass meine Arbeit mit Jugendlichen beruflich und privat und letztlich auch mein Amt als Presbyter meiner Kirchengemeinde ein nachträglicher Dank an meinen Opa ist. Er hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.
Danke Opa. --

Von wem haben Sie Gutes erfahren, dem gegenüber Sie es auch gerne ausdrücken möchten? In Worten oder in Form eines Briefes oder einem längst überfälligen Gebet? Vielleicht sind Sie heute derjenige, der umkehrt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft; bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Der nächste Hörfunkgottesdienst wird am 29.10.2006 um 10 Uhr bis 11 Uhr vom WDR 5  aus der St. Johanniskirche aus Halle in Westfalen übertragen. Die Predigt hält Pfarrerin Birgit Winterhoff.

 

 


 


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