Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.09.06, 8.56 Uhr, Pfarrer Klaus-Jürgen Diehl

Die Ehebrecherin - ein Lehrstück menschlicher Selbstgerechtigkeit und göttlicher Barmherzigkeit (Johannesevangelium, Kapitel 8, Verse 3-11)

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, wer ein moralisch einwandfreies, dazu noch gottwohlgefälliges Leben führen möchte,

der steht dabei immer wieder in der Versuchung, lieblos über andere Menschen zu richten. Besonders über solche, deren Leben den eigenen moralischen Maßstäben nicht entspricht. So prangert Jesus im Neuen Testament das selbstgerechte Verhalten der Frommen seiner Zeit an. Gleichzeitig stellt er sich an die Seite derjenigen, die wegen ihres offensichtlichen moralischen Versagens von der Gesellschaft geächtet werden.

So schleppen die Pharisäer und Schriftgelehrten eines Tages eine Frau vor Jesus, die sie nach eigenen Angaben auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt haben. Schon allein diese Tatsache ist Anlass genug zu kritischen Rückfragen: Warum schleppen sie nur die Frau vor Jesus – und nicht auch den Mann? Schließlich gehören zu einem Ehebruch immer zwei. Zeigt sich hier schon die verlogene Doppelmoral? Dem Mann wird der Ehebruch großzügig als Kavaliersdelikt nachgesehen. Die Frau dagegen wird dafür als Verbrecherin verurteilt. Und was heißt das: Sie hatten sie auf frischer Tat ertappt? Hatte sich womöglich die selbsternannte Sittenpolizei auf die Lauer gelegt, um nach vollzogenem Ehebruch die Falle zuschnappen zu lassen? Warum sahen die Tugendwächter keinen Anlass, die Frau und ihren Partner von ihrem ehebrecherischen Tun abzuhalten und es gar nicht erst soweit kommen zu lassen?

Wie dem auch sei, sie zerren die überführte Delinquentin vor Jesus und fordern ihn heraus, sein Urteil über sie zu fällen. Zugleich hoffen sie, ihm damit eine Falle stellen zu können. Denn wenn Jesus von dem harten Urteil des Mose über den Ehebruch abrückt – und damit rechnen sie natürlich -, dann könnten sie ihn selbst als Übertreter der Thora, des mosaischen Gesetzes, bloßstellen. Doch Jesus entzieht sich geschickt ihrem Ansinnen und entgegnet ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Diese Aufforderung trifft ins Schwarze. Sie hatten  bereits Steine aufgehobenen, um sie auf die Frau zu werfen. Nun lassen sie kleinlaut von ihrem Vorhaben ab und gehen weg - einer nach dem andern. Am Ende bleibt Jesus mit der Frau allein zurück. Nachdem die selbsternannten Richter das Feld geräumt haben, spricht Jesus sie an: Wo dich nun niemand deiner Ankläger verdammt hat, verdamme ich dich auch nicht.

Es wird uns in dieser Geschichte nicht berichtet, ob die Aufforderung von Jesus zu einer ehrlichen Selbsterkenntnis seiner Gegner und zur Einsicht in ihre eigene Schuld geführt hat. Aber genau darum geht es Jesus:  Statt uns über den Splitter im Auge des Nächsten zu empören, sollen wir mit der Holzverarbeitung im eigenen Auge anfangen. In der Bergpredigt mahnt uns Jesus: Nimm doch erst einmal den Balken in deinem eigenen Auge wahr und beseitige ihn. Da hast Du genug zu tun. Als sich im Frühjahr 1968 viele Bürger über die randalierenden Studenten auf den Straßen empörten, mahnte der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann in einer Fernsehansprache: Wir sollten nicht vergessen, dass in dem Moment, wo wir mit einem Finger auf andere zeigen, gleichzeitig mindestens drei Finger auf uns selbst zurückzeigen. Liebe Hörerinnen und Hörer, ich wünsche Ihnen immer wieder den Mut zu einer selbstkritischen, ehrlichen Aufarbeitung der eigenen Fehler und Versäumnisse – und zugleich wünsche ich Ihnen eine unbeirrbare Großzügigkeit und Nachsicht gegenüber dem Versagen anderer. Für Beides können wir die nötige Kraft von Gott erbitten.

Audiobeitrag Die Ehebrecherin - ein Lehrstück menschlicher Selbstgerechtigkeit und göttlicher Barmherzigkeit (Johannesevangelium, Kapitel 8, Verse 3-11)


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