Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.09.06, 5.56 Uhr, Pfarrerin Kerstin Hanke

Steh auf

Verliebt, verlobt, verheiratet – geschieden. So geht es vielen. Aus dem liebsten Menschen der Welt wird am Ende ein erbitterter Gegner. Da wird gestritten.

Um die Kinder, um das Haus, um den Unterhalt. Erbittert und gnadenlos. So dass Fremde ordnend eingreifen müssen. Rechtsanwälte, Mediatoren, Richterinnen. Sie sprechen Recht. Aber sie richten nicht über die verletzten Gefühle. Eine Freundin von mir hat das alles erlebt. „Ich wollte hier alt werden“, sagte sie als wir die Umzugskisten aus ihrem  Haus schleppten. Viel zu viele Kisten für die neue Wohnung. Viel zu viel Ballast, der nur an bessere Zeiten erinnerte. Dann entlud sich eine Tirade von Verwünschungen und Klagen. Drei Jahre später klagte diese Freundin immer noch. Aus einer lebendigen Frau war ein griesgrämiges Opfer geworden. Ihr Ex -Ehemann - der Sündenbock. Für alles, was nur schief lief in ihrem Leben, gab es nur noch die eine Deutung: „Er hat mein Leben verpfuscht. Er ist schuld.“ 

Nichts erreichte sie. Wenn wir ihr vorrechneten, dass die Kinder die Trennung gut verkraftet hätten. Dass sie nun die Chance hätte, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Dass sie einen Job gefunden hatte. Nein, die Ehe war das verlorene Paradies für sie. „Er hat mir versprochen für mich da zu sein. Und das soll er nun büssen.“ 

Es waren die Kinder, die sie dafür benutzte. Kein Tag, an dem sie ihnen nicht ihren Vater schlecht machte, kein Wochenende mit Papa, das nicht böse kommentiert wurde. Kein Eisessen ohne den Hinweis, dass sie sich das alles eigentlich nicht mehr erlauben könnte. Alle litten unter dieser Situation. Aber es war ihre unumstößliche Meinung: Ich leide am meisten, daher können die anderen ruhig  etwas davon abbekommen. Denn ich bin das Opfer. Was sie nicht sah: Sie war schon längst kein Opfer mehr, sie war eine Täterin, die bewusst verletzte. Es schien als müsste ein Wunder geschehen, damit sie sich wieder fing. Aber es war kein Wunder, es war etwas anderes. Es war eine Zeichnung ihres Sohnes, die die Wende brachte. Gemalt hatte er sie im Religionsunterricht. Zu sehen waren darauf ein Haus, fünf ernst blickende Männer und eine weinende Frau, die an Seilen in der Luft hing.

Welche biblische Geschichte sollte das sein?  „ Die Heilung des Gelähmten“, antwortete ihr Sohn. „Aber darin kommt doch keine  Frau an Seilen vor“. „Doch“, sagte ihr Sohn. „Wir sollten die Geschichte mit einer Geschichte aus unserem Alltag verbinden und malen“.
Er hing das Bild an den Kühlschrank, packte seine Sportsachen und war schon weg, bevor sie eine Frage stellen konnte. Sie starrte auf das Bild und schließlich holte sie ihre Bibel und las die Geschichte nach.

„Steh auf“, sagt Jesus zu einem gelähmten Mann. „Steh auf“.
Dessen Freunde hatten ihn auf einer Trage herbeigeschleppt. Sich durch die Menschenmenge einen Weg gebahnt. Ein Dach abgedeckt. Und den Gelähmten in das Haus abgeseilt. Nur damit er ganz nah an den Menschen gelangen kann, von dem sie Wunder erwarteten. „Steh auf“, sagte Jesus zu dem Gelähmten, als sei dies die selbstverständlichste Sache von der Welt. „Ich traue dir zu, dass du auf eigenen Füssen stehen kannst. Dass du niemanden brauchst, der dich trägt, oder den du für dich leiden lassen musst. Steh auf und geh in deine Zukunft. Und hör auf, die anderen für dich zu benutzen.“

Als abends ihr Sohn heimkam, saß meine Freundin immer noch am Küchentisch. „Wir müssen reden“, sagte sie. „Denkst du, dass ich aufstehen soll?“ „Ja“, sagte ihr Sohn.

Audiobeitrag Steh auf


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