Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.09.06, 5.56 Uhr, Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Mama stirbt

Mama, da liegst Du nun, und kannst nicht sterben. Seit Monaten – genau genommen seit Jahren. Mir tut es unendlich weh, Dich so zu sehen,

aber irgendwie kann ich Dir das nicht sagen. Jeden Tag werde ich jetzt bei Dir sein, meine Ferien bei Dir verbringen. Klar, Mama, wenn Du stirbst, will ich bei Dir sein. Gut, dass ich keine Kinder habe. Dann wäre ich jetzt am Meer, würde Sandburgen bauen, die Nase in den Wind halten … Wäre  glücklich. Nicht auszudenken. Aber dass sollte nicht passieren, dafür hast Du gesorgt. Lass Dir bloß kein Kind andrehen, hast Du immer gesagt. Da wusste ich noch gar nicht wie das geht, mit dem Kinder kriegen.

Später hast Du Deine Meinung geändert. Da wolltest Du unbedingt Oma werden. Und weißt Du was? Ich war sogar schwanger. Leider nicht lange. Klar, davon weißt Du natürlich nichts. Bei Deinem Zustand, da konnte ich doch nicht …, vielleicht hättest Du Dich so aufgeregt, dass Dein Herz , nee, Mama, das ging wirklich nicht.

Das andere habe ich Dir auch nie gesagt. Dass Dein Sohn, Dein eigenes Fleisch und Blut,  Dein Konto geplündert hat … jetzt  bezahle ich die Polin, die Dich rundum die Uhr pflegt. Und deshalb habe ich diesen Nebenjob und viel weniger Zeit für Dich. Ist ja auch in Ordnung. Aber weißt Du was, Mama? Eigentlich könntest Du mal danke sagen. Stattdessen wieder dieser nicht ausgesprochene Vorwurf: Warum ich so lange nicht mehr da war und so kaputt aussehe. Ich kann Dir sagen, warum, Mama. Weil Geld verdienen verdammt anstrengend ist.

Neulich habe ich Pfarrer Müller getroffen. Er hat sehr lieb nach Dir gefragt. Wollte alles genau wissen. Wie das jetzt  mit der Pflege läuft. In den Ferien. Da habe ich ihm alles erklärt. Dass Milena in Polen ist und ich Dich pflege. Und mehr so im Scherz habe ich gesagt, ich bin eben artig, halte mich an das vierte Gebot. Er fand das gar nicht witzig.

Schließlich seien die zehn Gebote Wegweiser für ein Leben in Freiheit.  Gott habe sie seinem Volk gegeben, als sie aus der Unfreiheit, aus der Sklaverei in Ägypten, kamen . Von dem Leben in Freiheit hatten sie ja keine Ahnung. „Du sollst Vater und Mutter ehren“, hieß damals, lasst die Alten nicht einfach zurück in der Wüste. Nehmt sie mit. Behandelt sie würdevoll, sie haben es verdient. Du – das war das Volk. Nicht nur die Tochter, der Sohn. Du – das ist heute Deutschland. Das bin nicht nur ich.

Und wie unser Volk mit Pflegebedürftigen umgeht, ist doch einfach nur  ätzend.  Du mit Deiner Pflegestufe eins, dabei bist Du mindestens zwei. Dass Du manchmal verwirrt bist, wissen die doch gar nicht vom  medizinischen Dienst. Nur weißt Du was? Wenn Du Pflegestufe zwei hättest, dann bräuchte ich keinen Nebenjob, verstehst Du? Dann hätte ich mehr Zeit. Könnte mich Dir  liebevoller zuwenden. Wäre nicht immer so unter Druck. Hätte weniger Wut auf Dich. Auf all das, was Du mir vermasselt hast. Vielleicht könnte ich mich dann endlich mit Dir versöhnen. Zumindest so ein bisschen. Wie soll ich denn sonst weiterleben leben, Mama– nach Deinem Tod? Mama?


 

Audiobeitrag Mama stirbt


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