Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.09.06, 5.56 Uhr, Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Erntedank

Zuccinis vom Biobauern, Bananen aus Afrika und Lychees, von denen ich bis heute nicht weiß, wo sie herkommen.

All dies und vieles mehr findet sich am kommenden Sonntag auf den Altären der Gotteshäuser. Dann feiern die Christen nämlich Erntedank. Zu danken für die Früchte des Feldes – das ist der ursprüngliche Sinn von Erntedank. Einem Fest aus vorchristlicher Zeit, das viele Jahrhunderte existenziell war. Nur eine reiche Ernte sicherte das Überleben im Winter. Grund genug, Gott zu danken. Heute hingegen kommt die Milch aus der Tüte, das Gemüse aus der Dose und das Fleisch aus der Kühltruhe. Lebensmittel haben wir ganzjährig in Hülle und Fülle. Ja, wir haben sogar zu viel. Wir lagern  Berge von Butter und Tonnen von Getreide. Aus gutem Grund. Nur so bleiben die Marktpreise stabil.

 Warum also noch danken. Danken ist ohnehin aus der Mode gekommen. Abhängig sein – das will heutzutage niemand mehr. Und doch: Wir sind es. Gäbe es Gottes gute Schöpfung nicht –  die Felder, die Bäume, die Tiere  – wir hätten nichts zu essen.
Da kann man ruhig auch schon mal danke sagen.

Gott hat es gut mit uns gemeint. Doch der Mensch? Meint er es gut mit dem Menschen? Und wir mit uns selbst? Wir sind geschockt in diesen Tagen. Tonnenweise wurde es gefunden: Vergammeltes Fleisch. Ausgerechnet da, wo die Welt angeblich noch in Ordnung ist. Im tiefsten Bayern. Von dort haben skrupellose Geschäftemacher es bundesweit verkauft. An Dönerbuden, wo man bekanntlich für wenig Geld schnell satt wird und an vornehme Restaurants, wo man für viel Geld meist hungrig bleibt. Arm und reich scheint der Skandal gleichermaßen zu treffen.

„Jeden Tag gibt es solche Skandale“, sagt der Beobachter von Food watch. In die Schlagzeilen geraten sie selten. Deshalb gibt es immer noch Gesetzeslücken  – Stichwort „Fleischabfälle“ - und Kontrolleure, die nicht kontrolliert werden.

Ja, in diesen Tagen wird Erntedank plötzlich wieder existentiell. Nicht wegen des Mangels an Lebensmitteln, sondern wegen ihrer  Qualität. Schuld sind nicht nur raffgierige Geschäftemacher, sondern auch wir selbst. Wir wollen viel, aber es darf nichts kosten. Die Folgen: genmanipulierte Tomaten, mit Antibiotika verseuchte Meerestiere und vergammeltes Fleisch. Exotische Köstlichkeiten, rund ums Jahr. So wollen wir es.  Doch der Preis dafür: unbezahlbar. Wir zerstören unsere Lebensgrundlage: „die Erde“ und uns selbst gleich mit. Ob wir an Gott glauben oder nicht – das, wovon wir leben, sollten wir pflegen. Mit der Schöpfung und den Geschöpfen verantwortlich umgehen. Um unserer selbst willen. Und unserer Kinder. Daran erinnert Erntedank. Am kommenden Sonntag.

Audiobeitrag Erntedank


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