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"Behinderung ist eine Herausforderung zur Solidarität"
Ostern. Das passiert nicht nur im Frühjahr. Ostern kann jederzeit und überall geschehen. Wie zum Beispiel in Pskow.
Pskow liegt 290 Kilometer südwestlich von St. Petersburg. Im zweiten Weltkrieg wurde die Stadt von der deutschen Wehrmacht zerstört. 50 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Russland wollten Vertreter der Evangelischen Kirche im Rheinland in dieser Stadt ein Zeichen der Versöhnung setzen. Klaus Eberl ist evangelischer Pfarrer in Wassenberg. Er reiste damals, vor 16 Jahren, zum ersten Mal mit nach Pskow.
O-Ton: Mein Vater war mit 17 Jahren Soldat in Russland, hat mir immer ganz viel erzählt aus dieser Zeit. Und ich wollte einfach dieses Land kennen lernen, wo er ganz ambivalente Erfahrungen gemacht hat. Und als wir dort waren, da habe ich gesagt, wenn Versöhnung Sinn machen soll, dann muss auch für die Menschen was rüberkommen.
Sprecherin: Klaus Eberl lernt bei diesem Besuch einen russisch-orthodoxen Priester kennen, der ein behindertes Kind hat. Er kommt ins Gespräch mit Eltern weiterer behinderter Kinder, die sich in der Wohnung des Priesters treffen. Hört deren Sorgen. Für behinderte Kinder gibt es in Russland so genannte Internate. Aber Internat ist nur ein neutrales Wort für eine trostlose Verwahranstalt.
O-Ton: Die Familien, die es dann auf sich nehmen, das Kind bei sich zuhause zu behalten, in winzigkleinen Wohnungen, im 6. Stock ohne Aufzug, die dann auch kein Geld haben. Die nehmen dann wirklich eine große Last auf sich, wenn sie sagen: wir stehen zu unserem Kind. Sprecherin: Klaus Eberl wollte helfen. Und die Menschen in Wassenberg auch. Behinderung ist kein Defizit, sondern eine Herausforderung zur Solidarität, sagen sie sich. Also gründen die Wassenberger ein Heilpädagogisches Zentrum für schwerstbehinderte Kinder in Pskow. Trotz mancher bürokratischen Hürden findet die Idee schnell offene Herzen und Türen. Das Wunder von Pskow nimmt Gestalt an:
O-Ton: Als wir dann mit der Arbeit begonnen haben, haben viele gedacht, Die kommen jetzt aus Deutschland und die haben tolle Medikamente und die Kinder werden alle wieder gesund. Und es war sehr mühsam zu verstehen, dass dies ein langer Weg ist, ein Prozess ist. Und das entspricht ja unserer Ostererfahrung. Wir feiern Ostern, wenn wir uns in der Welt umschauen: Es hat sich nicht dramatisch etwas verändert. Sondern auch da geht es darum, Prozesse wahrzunehmen, dass das Leben stärker ist als der Tod.
Sprecherin: Heute leben 50 behinderte Kinder in der Tagesstätte. Weitere Einrichtungen kamen hinzu: eine Behindertenwerkstatt, eine Abteilung für Früherkennung und ein Studiengang "Heilpädagogik". Klaus Eberls Augen strahlen, wenn er von den Kindern in Pskow erzählt. Einer von ihnen ist ein kleiner Junge, Kuku genannt.
O-Ton: Kuku mit einem unbändigen Bewegungsdrang. Und keiner konnte den festhalten. Der konnte auch nicht irgendwo sitzen, mit anderen irgendwo essen.
Sprecherin: In den ersten Wochen hatte Kuku nicht nur die Möbel demoliert, sondern auch die Geduld der Eltern strapaziert. Die Mutter wollte ihn wieder aus der Tagesstätte nehmen. Denn offensichtlich wurde Kuku ja nicht gesund.
O-Ton: Und das hat ganz lange gedauert bis sie merkte. Ja. Er lernt etwas. Er lernt zu sitzen. Er lernt zu essen und er lernt nicht aufzuschreien Aber das sind Ostererfahrungen, wenn das passiert.
Sprecherin: Wenn ich in meiner Bibel lese, dann finde ich genau das: Ostern wird ein Stein von einem Grab gewälzt. Das Grab ist leer. Das was wir für tot hielten und ausweglos, wandelt sich zu neuem Leben.
"Behinderung ist eine Herausforderung zur Solidarität"
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