Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.09.06, 7.50 Uhr, Dr. Rainer Neu

Überwindung von Gewalt

Ich gehöre einer kirchlichen Gruppe an, die die „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ unterstützt. Diese Aktion begann vor über fünf Jahren und wurde vom Ökumenischen Rat der

Kirchen ins Leben gerufen. Seitdem ist der Impuls von einer wachsenden Zahl von Kirchen aufgenommen worden und in neue Regionen getragen worden. Auf der ganzen Welt sind neue Initiativen ins Leben gerufen worden, neue Bündnisse in der Friedensarbeit sind entstanden, eine neue theologische Diskussion hat eingesetzt und immer mehr Christen entdecken die Spiritualität der Gewaltlosigkeit.

Die Dekade wurde eröffnet in dem Bewusstsein der Buße, denn als Kirchen gehören wir mit zu jenen, die in der Vergangenheit selbst immer wieder in Gewalt verstrickt waren und die die Anwendung von Gewalt legitimiert haben. Das 21. Jahrhundert sollte mit einem neuen Geist begonnen werden. Denn das 20. Jahrhundert war geprägt vom Kolonialismus und den beiden Weltkriegen, von Völkermorden und Rassendiskriminierung, von der Aufrüstung mit Atomwaffen und anderen Massenvernichtungsmitteln.

Ich bin allerdings kein Schwarzseher. Das 20. Jahrhundert hat auch zahlreiche Fortschritte gebracht: Bemühungen um Völkerverständigung und Frieden, eine Stärkung der Menschenrechte und internationale Rechtsstandards, Abrüstungsvereinbarungen und Friedensverträge. In keinem Jahrhundert zuvor hat es so vielfältige Begegnungen zwischen Völkern und Kulturen, den Kirchen und Religionen gegeben. Es gibt also genügend positive Bestrebungen, die sich lohnen fortgesetzt zu werden.

Gut die Hälfte der Dekade ist jetzt abgelaufen. Kaum eine Initiative des Weltkirchenrates hat soviel Resonanz erfahren wie diese. Die Popularität des Programms liegt vielleicht darin begründet, dass unzählige Friedensinitiativen der Kirchen, die schon seit langem bestehen, sich in die Aktionen dieser Dekade einbringen können. So ist in den Kirchen der ökumenischen Bewegung eine partnerschaftliche Bewegung zur Überwindung der Gewalt entstanden.

Unsere Welt ist seitdem allerdings nicht friedlicher geworden. Die Weltöffentlichkeit schaut fassungslos auf terroristische Anschläge ungekannten Ausmaßes. Ebenfalls vor fünf Jahren erklärte der amerikanische Präsident George Bush das kommende Jahrzehnt zum „Krieg gegen den Terror“. Wenige Wochen später marschierten amerikanische Truppen in Afghanistan und im März 2003 in den Irak ein. Die Aufrüstung läuft weltweit wieder auf Hochtouren und wir erleben eine wachsende Militarisierung.

„Dekade zur Überwindung von Gewalt“ oder „Krieg gegen den Terror“ – welches Programm wird das erste Jahrzehnt unseres neuen Jahrhunderts prägen? Wie immer werden die militärischen Aktionen die lautstärkeren und pressewirksameren sein. Die Vertreter beider Programme werden sich darauf berufen, dass es ihnen um die Überwindung von Gewalt geht. Die Frage ist jedoch: mit welchen Mitteln.

Für mich ist klar, dass Gewalt nicht mit Gewalt und Terror und nicht mit Krieg überwunden werden kann. Mit anderen Christen möchte ich bekennen, dass Gewalt nicht dem Weg Jesu entspricht. Auch verschiedene amerikanische Kirchen haben sich gegen einen Krieg ausgesprochen, der mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen ist.

Die Einsicht und der Wille zum Frieden sind vielerorts gegeben. Was oft noch fehlt, ist das gemeinsame Handeln. Nicht weil es am Willen mangelt, sondern weil gewaltfreie Alternativen noch zu wenig bekannt sind und praktiziert werden. Ungerechtigkeit, Unterdrückung oder Fanatismus sollen ja nicht stillschweigend toleriert oder gar zementiert werden. Die Entwicklung und Sichtbarmachung von gewaltfreien und gewaltüberwindenden Alternativen erfordert Kraft und Energie.

Frieden zu schaffen ohne Gewalt lautet das Gebot des Evangeliums. „Botschafter der Versöhnung“ zu werden nennt Paulus diesen Auftrag. Wenn die Gemeinschaft der Kirchen für eine Versöhnung aller Menschen eintritt und aktive, gewaltfreie Wege der Konfliktlösung anbietet, dann werden Christen zu einem glaubwürdigen Zeugnis der Hoffnung und werden eine Kultur des Friedens und der Versöhnung aufbauen.

Audiobeitrag Überwindung von Gewalt


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