Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.09.06, 7.50 Uhr, Dr. Rainer Neu

Gegenwärtig sein

Ich kenne die Kraft des Gebets. Es gibt Situationen in meinem Leben, da bin ich froh beten zu können. Manchmal allerdings fällt es mir schwer

abzuschalten und mich zu konzentrieren. Ich möchte im Gebet bei der Sache sein. Die Gedanken auf das lenken, was für mich wirklich wichtig ist. Vor Gott ganz anwesend sein. Keine Selbstgespräche führen. Horchen, ob mir aus der Stille eine Antwort erwächst. Offen sein für das Ankommende, auch das Unerwartete und Überraschende.

Ich habe viele Jahre in Asien gelebt. Dort habe ich in einem Kloster Meditation gelernt. Meditieren heißt, Ruhe und Konzentration einkehren zu lassen. Uns frei zu machen von dem Ansturm unserer Gedanken. Meditation schafft die Voraussetzung für ein Gebet, das die Gegenwart Gottes ernst nimmt und erkennt.

Ein paar einfache Techniken, die Gedanken abklingen und Stille einkehren zu lassen, haben meinen christlichen Glauben dauerhaft vertieft. Manchmal gelingt es mir, wenigstens für Augenblicke ganz in der Gegenwart zu leben. Im Hier und Jetzt anwesend zu sein. Mich nicht von den Erinnerungen an die Vergangenheit oder den Sorgen und Hoffnungen auf die Zukunft in Beschlag nehmen und bestimmen zu lassen.

Gern erinnere ich mich an eine Erfahrung in einer Lehmhütte während der Regenzeit. Ich saß auf einer Matte auf dem Boden und meditierte. Ein schwerer tropischer Regenguss prasselte auf das Palmblätterdach der Hütte. Dieses gleichmäßig hämmernde Geräusch nahm meine Wahrnehmung ganz gefangen. Meine Gedanken verwoben sich mit dem niedergehenden Regen. Tropfen glitten an den Rippen des rissigen Laubwerks hinunter, perlten ab und zerplatzten auf dem reinlich gefegten Lehmboden. Im Augenblick ihres Zerspringens erschienen sie mir wie winzige Silberkronen, umgeben von einer Aura aus Licht, das in mich drang.

Tief durchdrang mich das kleinste Geschehen in dieser Hütte und ich befand mich in einem Zustand der Aufmerksamkeit und Stille, den ich nie zuvor erlebt hatte. Alles, was sich um mich herum ereignete, lag nicht mehr außer mir, sondern in mir. Dieses Innen war tiefer und weiter als alles, was ich bisher als meine Mitte erfahren hatte. Allmählich nahm ich auch das Prasseln des Regens nicht mehr wahr.

Mich umschloss eine Stille in tiefer Raum- und Lautlosigkeit. Niemals hatten meine Sinne ein solches Schweigen vernommen und niemals stieg aus dem Schweigen mehr lebendige Kraft. Mehr, als ich erfassen konnte. Ich spürte die Gegenwart einer großen, befreienden und liebevollen Macht, die meine Ichbezogenheit aufhob, die die Ereignisse mitten in mir geschehen ließ und mich gleichzeitig mitten in die Dinge versetzte.

Im Schweigen fühlte ich die Anwesenheit einer überwältigenden Wesenheit, die ich zwar mit meinen Sinnen und meinem Bewusstsein nicht erreichen konnte, die sich mir jedoch mitteilte und die mir seelisch erfahrbar wurde. Erst allmählich klang dieser Zustand wieder ab und ich bemerkte, wie ein Rinnsal von Regenwasser meine Unterlage durchnässte und mich in die Gegenwart zurückrief.

Es tut mir gut, mich inmitten der Arbeit und in der Hektik des Alltags an Erfahrungen wie diese zu erinnern. Tief ein- und auszuatmen und die anbrandenden Gedanken abprallen zu lassen. Abzuschalten und still zu werden, um beten zu können oder einfach in das Schweigen zu lauschen. Aus der Stille kann mir eine Antwort zukommen.

Es mögen sich Wege auftun, die im Lärm und in der Schnelligkeit des Alltags verborgen bleiben würden. Und es mag mir die Nähe einer göttlichen Gegenwart erfahrbar werden, die mein Alltagsbewusstsein niemals wahrzunehmen in der Lage wäre.

Audiobeitrag Gegenwärtig sein


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