Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.09.06, 7.50 Uhr, Dr. Rainer Neu

Wiedergeburt

Eine Bekannte von mir will in einem früheren Leben eine ägyptische Prinzessin, ein Bekannter sein eigener Großvater gewesen sein.

Sie glauben an die Wiedergeburt und stellen sich das so vor: der menschliche Körper müsse zwar sterben und verwesen, die Seele jedoch sei unsterblich und würde einige Zeit nach dem Tod in einen neuen Körper einziehen. Solche Gedanken stammen ursprünglich aus Indien und haben in den vergangenen Jahrzehnten auch in Europa Anhänger gefunden.

Nun mag es jeder mit diesem Glauben halten, wie er will. Ich möchte keinem darein reden. Er sollte allerdings wissen, was die Lehre von der Wiedergeburt tatsächlich besagt. Viele Anhänger dieser Theorie im Westen glauben nämlich, dass sie mit jeder Wiedergeburt eine höhere geistige Stufe ihrer Existenz erreichen würden. Das ist keineswegs der Fall.

Wiedergeboren werden kann jemand auch als Tier oder als böser Geist. Das hängt ganz von seinen guten oder bösen Taten ab. Es gibt keine Garantie der Aufwärtsentwicklung und Vervollkommnung – diese Vorstellung haben der westliche Spiritismus und die Esoterik unter die Leute gebracht.

Dazu gehört auch die Behauptung, der Glaube an die Wiedergeburt sei eine der ältesten religiösen Vorstellungen der Menschheit. Auch das stimmt nicht. Der Reinkarnationsgedanke ist frühestens seit dem 7. oder 6. Jahrhundert vor Christus nachzuweisen. Die ältesten Überlieferungen Indiens kennen diese Lehre noch nicht.

Man sollte auch nicht so tun, als wenn Hinduisten und Buddhisten gleichermaßen an eine Wiedergeburt glauben. Da Buddhisten die Existenz einer Seele gewöhnlich bestreiten, kommen für sie indische Vorstellungen der Reinkarnation nicht in Frage. Viele moderne Buddhisten sind eher geneigt, diese Lehre fallen zu lassen.

Ich fragte einmal einen japanischen Religionswissenschaftler, wie sich Japaner die Wiedergeburt vorstellen. Seine Antwort lautete schlicht: „Japaner glauben nicht an die Wiedergeburt“. Die Antwort mag übertrieben und pauschal sein, sie verweist aber auf eine deutliche Tendenz unter vielen fernöstlichen Buddhisten der Gegenwart.

Manche Anhänger der Wiedergeburtslehre behaupten, auch die ursprünglichen Evangelienüberlieferungen und die frühe Kirche hätten die Reinkarnation gelehrt. Doch auch die ältesten Manuskripte der Evangelien – die jeder nachlesen kann, der Griechisch versteht - kennen nichts von dieser Lehre.

Als Beleg muss dann der Prophet Elia aus dem Alten Testament herhalten, von dem in der Bibel gesagt wird, dass er wiederkommen werde, um dem Reich Gottes den Weg zu bereiten. Nur: Elia ist nach biblischer Überlieferung noch zu Lebzeiten in den Himmel aufgenommen worden. Darum kann seine Wiederkehr gar nicht als Wiedergeburt verstanden werden. Auch heute glauben Juden, dass Elia wiederkommen wird – als der erwartete Messias.

Schließlich ist die Lehre von der Wiedergeburt mit einem großen ethischen Problem behaftet. Alles, worunter ein Mensch in diesem Leben leidet, soll er nämlich in einem früheren Leben selber verschuldet haben. Ist er behindert, ist er arm, leidet er an einer Krankheit: das sind halt die Folgen für schlechte Taten in früheren Existenzen.

Auch Jesus wurde einmal gefragt, wer denn die Schuld daran trage, dass einer blind geboren wurde. Er selbst? Oder vielleicht seine Eltern? Da antwortete Jesus: „Weder er selbst noch seine Eltern. Sondern an ihm sollen die Werke Gottes offenbar werden.“ Und dann heilte er ihn. Das ist nämlich Gottes Wille: das wir gesund und heil werden.

Als Christen sollen wir nicht darüber nachdenken, welche Schuld wir in angeblichen früheren Existenzen auf uns geladen haben, sondern wie wir von unserer Schuld und von unserem Leiden loskommen können. Darin geschieht Gottes Wille. Und daran glaube ich.

Audiobeitrag Wiedergeburt


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