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Der Tag danach
Ich reiß den Kalender ab: Dienstag, der 12. September.Der Tag danach.Alles werde jetzt anders, hieß es damals vor fünf Jahren.Doch: heute ist wieder Alltag, ein Tag wie
jeder andere, ein Tag, von dem ich nicht den großen Umschwung erwarte, ein Tag des Funktionierens und Weitermachens. Ein Tag, an dem die neuesten Nachrichten durch das Radio und über den Bildschirm huschen, die Zeitungen sich über einen Skandal ereifern, das Auto getankt werden muss, Wäsche gewaschen wird und und und.
Ist wirklich alles anders geworden? In meiner kleinen Welt erlebe ich das gar nicht so. Sicher die Sicherheitsstandards auf den Flughäfen haben sich verändert, sicher, die Sicherheitspolitik der mächtigen Nationen hat sich verändert, sicher, auf belebten Plätzen in fremden Städten fühle ich mich nicht mehr so sicher wie vor dem 11. September. Aber ist wirklich alles anders geworden?
Für manche ist alles anders geworden. Für die, die damals bei dem terroristischen Anschlag auf das World Trade Center Angehörige und Freunde verloren haben. Auf schreckliche Art und Weise: alles anders. Wenn der Tod so unvermittelt und sinnlos in das Leben tritt, wirft er uns aus der Bahn. Dann ist nichts mehr so wie früher.
Für viele Länder und deren Bevölkerung ist ebenfalls alles anders geworden. Afghanistan und Irak wurden von Amerika angegriffen. Gebiete, in denen bis heute kein Frieden herrscht. Der so genannte Krieg gegen den Terror, wie der amerikanische Präsident ihn bezeichnet, hat nichts an der Schere zwischen arm und reich geändert, dem Nährboden für den Terror. Die Länder sind nicht in den Frieden gebombt worden, sondern in eine neue Stein-Zeit: Dort klopfen Menschen die Steine ihrer zerbombten Häuser und fürchten sich vor herumfliegenden Steinen bei Attentaten.
Alles werde anders. Wohl eher eine Drohung als eine Verheißung. Tatsächlich sind begrenzte Kriege wieder zu einer politischen Möglichkeit geworden. Dabei hatte ich bis zum 11. September immer gehofft, wenn alles anders werde, dann würden sich die Friedens-Verheißungen der Propheten erfüllen. Der ehemalige DDR Pfarrer Walter Schulz dichtete 1963 mitten im Kalten Krieg:
Sprecherin EG 426,2: Es wird sein in den letzten Tagen, so hat es der Prophet geschaut, da wird niemand Waffen mehr tragen, deren Stärke er lange vertraut. Schwerter werden zu Pflugscharen, und Krieg lernt keiner mehr. Gott wird seine Welt bewahren vor Rüstung und Spieß und Speer.
Autor: Ja, dann wäre alles anders. Wenn heute Menschen beginnen Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden, wie es der Prophet Jesaja schon vor zweieinhalb Tausend Jahren vorausgesagt hat. Wenn Menschen aufeinander zu gehen, anstatt aufeinander los. Ja, dann wäre wirklich alles anders. Weil ich als Christ daran glaube, deshalb sage ich: Legt die Waffen nieder, verlernt den Krieg, seht, dass auf der anderen Seite auch Väter, Mütter, Söhne und Töchter stehen, die sich nach Frieden sehnen. Wenn ihr das lernt, dann ist wirklich alles anders, nächstes Jahr am 12. September.
Der Tag danach
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