Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.09.06, 8.05 Uhr, Dr. Henning Theurich

„Gebrüder Kain und Abel“ - Eine Schule des Gewissens

Die Gebrüder Kain und Abel - immer wieder steht sie auf der Tagesordnung der Welt, diese uralte Kriminalgeschichte vom ersten Brudermord, von dem die Bibel erzählt: Kain

sagte zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ich bin Henning Theurich, evangelischer Pfarrer in Bonn. Ich will diesen Fall heute Morgen nicht neu aufrollen. Nicht etwa, weil er abgeschlossen wäre. Er wiederholt sich ja ständig. Der Ackerbauer Kain und sein jüngerer Bruder, der Schafhirte, hatten jeder für sich Gott zum Dank ein Opfer gebracht. Und dann heißt es:
Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.

Warum? Warum handelt Gott so und nicht anders? Spielt Gott etwa mit Würfeln? Ist Gott unberechenbar, willkürlich, bevorzugt und benachteiligt er nach Belieben? Sicher: es soll unerklärbar bleiben, warum Gott das Opfer des Abel ansieht und das des Kain nicht. Wie so vieles andere auch in unserem Leben unerklärlich bleibt. Aber vielleicht geben schon die Namen der Brüder einen Hinweis.

Der Name „Kain“ bedeutet Speer und Lanze, der Name „Abel“ dagegen Null und nichtig, das könnte vielleicht hinweisen auf Gottes Art, das, was nichts ist, zu erwählen - Schwäche zu zeigen für den Schwachen. Schon möglich. Jedenfalls wird deutlich: Der Gott, von dem uns hier erzählt wird, ist in erster Linie Abels Gott, ein Gott der Opfer, der Geschundenen, der Geschlagenen, der Hingemordeten aller Zeiten. Aber ist er auch Kains Gott? Ist er auch unser Gott, die wir ja in Kains Nachkommenschaft leben? Das ist heute Morgen die Frage.

Es ist ja nicht so, daß Kain etwa kein Gewissen hätte, ist er doch als Gottes  Ebenbild erschaffen wie sein Bruder auch. Nach Kurt Wolff, dem Künstler und Laienprediger, könnte Kain vielleicht so sprechen:

Sprecher:
Wie komme ich dazu
der Hüter meines Bruders zu sein
Schließlich ist er ja groß genug
schließlich kann er ja für sich selbst sorgen
schließlich ist er ja erwachsen
und alt genug
schließlich kann er sich ja wehren

Und warum wehrt er sich nicht
frage ich mich
Warum läßt er es so weit kommen
warum reizt er mich
Immerhin bin ich doch der ältere
schön und gut daß er Gott ernst nimmt
Ich aber verzichte nicht auf Respekt

Ich habe ein Recht auf Achtung
Ich war zuerst da und
immerhin habe ich zuerst Opfer gebracht
Wer zuerst kommt
mahlt zuerst
Wo kämen wir hin
wenn die Ersten die Letzten würden
Ordnung muß sein

denn Ordnung ist das halbe Leben
und wer nicht hören will
muß fühlen
bis ihm Hören und Sehen vergeht
bis ihm der Mund gestopft wird für immer
bis er nicht mehr zu lachen hat nichts mehr
nichts mehr
nichts
...
rief da jemand?

Ja, Gott ruft. Gott spricht mit Kain und unterbricht die Versuche, seine Tat zu rechtfertigen. Gott spricht ihm ins Gewissen. Und dadurch wird die Erzählung von Kain und Abel auch für uns heute zu einer Schule des Gewissens.
Gott spricht mit Kain. Und dabei wird zugleich erzählt, wie das Gewissen zur Welt kommt. Zwar ist das Gewissen nicht einfach Gottes Stimme, aber es entsteht im Dialog mit Gott und im Angesicht des Anderen.

Musik (1)

Das Gewissen entsteht im Gespräch mit Gott und im Angesicht des Anderen.
Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas hat ins Zentrum seines Nachdenkens die Verantwortung für den Anderen gestellt. Über das Antlitz des Anderen und über das Verbot zu töten sagt er:

Sprecher:
Das „Du sollst nicht töten“  ist das erste Wort des Antlitzes. Das aber ist ein Gebot. In der Erscheinung des Antlitzes liegt ein Befehl, als würde ein Herr mit mir sprechen. Dennoch ist das Antlitz des Anderen zur gleichen Zeit entblößt; hier ist der Elende, für den ich alles tun kann und dem ich alles verdanke. Und ich, wer immer ich auch bin, aber ich als jemand „in der ersten Person“, ich bin derjenige, der über die Mittel verfügt, um auf diesen Ruf zu antworten. 

Viermal spricht Gott zu Kain; das erste Mal, als sich die Untat in seinem Innern vorbereitet. Gott sagt: Warum überläuft es dich heiß, und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert die Sünde an der Tür.
Diese Stimme warnt nicht, sie droht nicht, sondern sie verspricht: Wenn du recht handelst, darfst du frei aufschauen! Das gilt unabhängig davon, ob wir im Leben ein schweres oder ein leichtes Los haben . Das gilt unabhängig davon, ob wir mit unserer Arbeit Erfolg oder Mißerfolg haben. Wenn wir recht handeln, braucht uns nichts zu demütigen, zu kränken, zu verbittern, dann können wir aufblicken und aufrecht gehen. Wenn wir unserm Gewissen folgen, haben wir einen inneren Kompass, der auch dann noch Orientierung ermöglicht, wenn Bäume und Berge, Schluchten und Abgründe, Nacht und Nebel uns die Sicht nehmen. Das Gewissen gibt Orientierung, aber nicht so einfach. Denn unterwegs drohen Gefahren.

Es heißt: Handelst du nicht recht, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir steht ihre Begierde; du aber herrsche über sie! Ja, du sollst deine zerstörerischen Möglichkeiten beherrschen, du sollst Herr werden über das Böse. Das ist eine große Verheißung. Die ganze Geschichte des Menschen scheint dagegen zu sprechen. Die meisten Gutachten und Vorhersagen sind düster. Wird man böse geboren?

So fragte seinerzeit groß gedruckt die BILDzeitung im Blick auf den jugendlichen Amoktäter von Erfurt. Nein, lautet meine Antwort, niemand wird böse geboren, auch Kain wurde nicht böse geboren. Das wäre zu einfach, wo es keine einfachen Erklärungen geben kann. Gott aber hat mehr mit dem Menschen vor, als dieser sich selber zutrauen will. Er soll Herr werden über die Sünde - über Feindschaft, Aggression, Neid und Zerstörung. Daran sollen wir unser Gewissen ausrichten.

Das zweite Mal spricht Gott zu Kain nach seinem Brudermord. Gott fragt ihn: Wo ist dein Bruder Abel? Gott fragt nach dem Opfer, ja, er tritt an die Stelle des Opfers, das nicht mehr sprechen kann und fragt: Was hast du getan, Kain? Unsere moderne Zeit ist stolz darauf, dass die Wissenschaft das Gewissen entlarvt hat. Sie ist stolz auf die Erkenntnis, dass das Gewissen nicht Gottes Stimme, sondern die verinnerlichte Stimme anderer Menschen ist.

Die biblische Erzählung sieht hier keinen Widerspruch. In ihr meldet sich Gott als die Stimme des Anderen. Aber er meldet sich als Stimme derer, die wir nicht hören wollen, die ihre Stimme nicht mehr erheben können - als Stimme Abels, als Stimme Jesu, als Stimme der Opfer von Diktaturen und Unterdrückung. Er meldet sich als Stimme der Ungeborenen, gegen deren Lebensinteressen wir uns verfehlen - als Stimme aller Geschöpfe, die von uns bedroht werden.

Es ist richtig, Gottes Stimme ist die Stimme der Anderen, aber sie ist die Stimme derer, die keine Chance hatten, in uns einzudringen, sondern die sich gegen die verinnerlichten Stimmen Anderer erst durchsetzen müssen. Der Theologe Ernst Lange schrieb:

Sprecher:
Bin ich des Bruders Hüter? Der Einspruch Kains verweht.
Denn schweigend schreit das Leiden des Bruders, der vergeht.
Kein Mensch ist eine Insel, vom Ganzen frei, allein.
Als Abels Stunde nahte, da schlug sie auch für Kain.

Solange Menschen hungern und dürsten auf der Welt,
solang die Dummheit Macht hat und Krieg die Völker quält,
solange Kinder weinen in irgendeinem Land,
bin ich des Bruders Hüter, ist Blut an meiner Hand.
Musik (2)

Gott spricht ein drittes Mal zu Kain und fällt dabei ein hartes Urteil: Verflucht bist du, verbannt vom Ackerland ... Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. So ist es! Gewissen macht heimatlos. Wenn die Stimme des Gewissens erwacht, wird der Mensch unstet und flüchtig in seinem Leben. Ihn treibt eine Unruhe des Herzens, die nirgendwo Ruhe findet.

Und man kann einige moderne Gutachter gut verstehen, die sagen: Das ist zu viel Stress. Das macht krank. Das ist eine Krankheit, besonders eine protestantische Krankheit. Aber hören wir noch einmal genau hin, was Gott zu Kain sagt: Es ist ein erstaunliches Urteil. Kein Todesurteil! Man hat das noch nicht voll gewürdigt wenn man sagt, das sei ein Überbleibsel aus alten Zeiten, wo Mörder von Familienmitgliedern nur gebannt und geächtet wurden.

Denn die Erzähler der Geschichte von Kain und Abel lebten in einer Gesellschaft, in der auf Mord Todesstrafe stand. Trotzdem erzählen sie bewußt, dass Gott den ersten Mord nur mit Verbannung bestraft. Gegen die Rechtspraxis ihrer Umwelt halten sie daran fest: Gott will das Leben und nicht den Tod des Verbrechers. Wer die Geschichte von Kain und Abel als Schule des Gewissens liest, der kann aus ihr lernen: Das Gewissen macht uns zwar heimatlos in der Welt. Wir leben jenseits von Eden. Darin steckt ein Stück Verbannung. Aber das Gewissen hat kein Recht, uns zu töten. Es hat keinen Auftrag dazu. Vielmehr gilt, was an anderer Stelle der Bibel geschrieben steht: Wenn uns unser Herz verdammt, so ist Gott größer ist als unser Herz.

Das wird noch deutlicher, wenn wir das vierte Wort Gottes an Kain hören. Kain klagt, daß die Strafe der Verbannung zu schwer für ihn zu ertragen ist. Er kann die Heimatlosigkeit nicht ertragen. Denn sie bedeutet, daß er getrennt ist von Gottes Angesicht. Ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; unstet und flüchtig muss ich sein auf Erden“ - sagt Kain. Und wer wollte ihm widersprechen?

Unerträglich wird das einsame Gewissen, wenn es getrennt ist vom Angesicht Gottes, wenn es mit sich allein ist. Dann kann es sich nur verurteilen. Dann hört es nicht mehr die Stimme dessen, der verzeiht und vergibt. Unerträglich ist das Zusammenleben mit Menschen, wenn sie über den Schuldigen herfallen können. Kain fürchtet, dass er als vogelfreier Mensch erschlagen wird. Da sagt Gott zu ihm: Nicht also! Wer immer Kain totschlägt, an dem wird es siebenfältig gerächt. Und Gott versah Kain mit einem Schutzzeichen.

Hier wird der Gedanke der Rache gegen die Rache ausgespielt. Nicht der Mörder verfällt der Blutrache, sondern wer die Blutrache vollziehen will. Diesem Gedanken kann ich zwar nicht zustimmen, weil er noch dem Teufelskreis von Rache und Gewalt verhaftet ist, aber er hebt hervor, dass auch der Mörder unter dem Schutz Gottes steht. Auch der Schuldige wird von Gott mit einem Zeichen besonders geschützt. Und dieses Zeichen soll von anderen Menschen geachtet werden. Kain verliert seine Würde als Mensch nicht, denn Gott hält über das Verbrechen hinweg an ihm fest.

Liebe Hörerinnen und Hörer! Gott hat mit Kain, Gott hat mit uns Menschen viel vor. Er setzt unserem Gewissen ein großes Ziel. Wir sollen den Blick erheben. Wir sollen den aufrechten Gang üben. Wir sollen die Sünde überwinden. Auch wenn wir immer wieder straucheln. Auch wenn immer wieder Hass und Neid und Bitterkeit unser Leben vergiften. Wir stehen wie Kain unter Gottes Schutz.

Auch wenn wir uns verbannt fühlen von Gottes Angesicht, wenn wir rastlos leben und oft auch ratlos sind, wir alle sind unauslöschlich Gottes Ebenbild! Wir alle sind ausgezeichnet mit dem Kains-Zeichen, mit Gottes Siegel zu unserm Schutz! Wir alle sind unantastbar! Keiner darf uns ein Leid antun! Keiner darf uns bedrücken; denn wir sind dazu bestimmt, den Blick zu erheben und aufrecht zu gehen; denn Gott ist nicht nur der Gott von Abel, sondern auch von Kain, auch von uns.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Ich bin Henning Theurich, evangelischer Pfarrer in Bonn.

Audiobeitrag „Gebrüder Kain und Abel“ - Eine Schule des Gewissens


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