Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.08.06, 6.56 Uhr, Pfarrer Burkhard Müller

Der Geschwisterkonflikt

Wenn so richtig Zoff war unter uns Geschwistern, versuchte meine Mutter, Ruhe in den Laden zu bringen,

indem sie mit leicht feierlicher Stimme leise einen Psalm der Bibel zitierte. „Siehe wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen.“

Das klingt vielleicht ein bisschen nach Poesiealbum. Aber es steckt viel Ernst in dem Wort. Denn die Bibel weiß, wovon sie redet. Sie kennt erschütternde Geschwisterkonflikte. Z.B. die Geschichte, wie Kain seinen Bruder Abel erschlägt.

Kain war der Erstgeborene, damals ein ganz wichtiges Vorrecht. Er war der Erfolgreichere. Als sesshafter Landwirt hatte er den moderneren Beruf, während sein Bruder Abel mühsam als Hirte seine Existenz sichern musste. Natürlich war das auch eine Art innerer Verpflichtung für Kain, ein seelischer Druck, immer der Beste, Erfolgreichste und Stärkste zu sein.

Aber einmal klappt das nicht. Einmal hat Abel den größeren Erfolg, einmal gewinnt auch er einen Pluspunkt. Es heißt: “Gott sah das Opfer Abels gnädig an“. Da rastet Kain eifersüchtig aus. Auf einem einsamen Feld wird er den Rivalen Abel erschlagen.

„Oh Abel, geh nicht mit ihm auf das einsame Feld!“, möchte man rufen. „Abel flieh! Flieh, wenn dir dein Leben lieb ist. Flieh vor deinem Bruder, verlass deine Familie, wenn du leben willst.“

Natürlich: Einerseits ist es schön, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen. Und herzlichen Glückwunsch, wenn Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren Geschwistern haben.

Andererseits haben die Geschwister vielleicht das einzig Richtige getan, wenn sie den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen haben. Aus Rivalität kann gefährlicher Hass werden, wenn man sich immer aneinander wund reibt. Abel hätte schon viel früher fliehen müssen!

Manchmal vergeht lange, unendlich lange Zeit, bis die Wunden vernarben, die man sich geschlagen hat. Es kann lange dauern, bis unter Geschwistern eine Aussöhnung möglich wird. Die Eltern können bisweilen darüber sterben. Und über dem Erbe kann der Streit noch mal richtig aufflackern. Aber oft finden Geschwister über den Gräbern der Eltern wieder zusammen. Schade, dass die Eltern das dann nicht erleben. Aber – so trösten sich manche – vielleicht sehen sie von oben zu - und freuen sich.

Irgendwie hat das Psalmwort recht. Es ist schön, wenn Brüder und Schwestern einträchtig beieinander wohnen. Jemand hat einen weisen Menschen gefragt: „Was ist, wenn die beiden verfeindeten Brüder Kain und Abel einander im Himmel begegnen?“. „Dann wird Gott alles tun, sie zu Freunden zu machen“, war die Antwort. Aber können zerstrittene Geschwister  damit nicht schon früher anfangen?

 

Audiobeitrag Der Geschwisterkonflikt


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