Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.09.06, 8.56 Uhr, Pfarrer Burkhard Müller

Die Kenitersage und das Vorurteil

Der Inhalt des Films ist schnell erzählt. Ein israelischer General hat einen behinderten und erblindeten Sohn. Er braucht für ihn dringend ein Paar neue Augen.

Israelische Soldaten verkleiden sch als UN-Mitarbeiter. Sie besuchen eine palästinensische Schule. Sie geben vor, die Kinder auf Augenkrankheiten zu untersuchen. Dabei entführen sie eine arabische Schülerin. Ihr werden die Augen entnommen und dem blinden  jüdischen Sohn eingepflanzt. 

Der Film ist ein böses Hetzwerk schlimmster Machart. Bei uns kommen solche Hetzfilme nicht an. Aber dort, wo man Israelis oder Amerikanern hasst, sieht man diese Filme mit Begeisterung, weil sie das eigene Vorurteil bestätigen. Vorurteile sind  Untiere mit Riesenappetit. Sie wollen besonders gern gefüttert werden mit Geschichten, die das Vorurteil bestätigen.

Man denke nur an die alten James-Bond-Filme. Passend zum Kalten Krieg sind die Russen als Untermenschen dargestellt. Man hat immer und zu allen Zeiten mit solchen bösen Propaganda – Geschichten  die Vorurteile gegen die Fremden bestärkt.

Die uralte Geschichte von Kain und Abel ist wahrscheinlich ursprünglich auch so eine Hetzgeschichte gewesen. Sie richtet sich gegen die Keniter,  ein unheimliches Nachbarvolk, unstet  und immer auf der Wanderschaft. Keniter waren an den Schmucknarben, den Kainszeichen, zu erkennen. Sie glaubten zwar an Gott und gaben sich fromm, aber ihre Hemmschwelle zum Mord an Mitmenschen sei sehr niedrig, hieß es.

Das Vorurteil wurde mit einer passenden Geschichte verstärkt. Es ist die Geschichte vom Urvater der Keniter, von Kain. Der soll seinen Bruder ermordet haben. Typisch für einen Keniter.

Solch eine Hetzgeschichte gehört nicht in die Bibel. Dort fand sie erst Platz, als sie umgewandelt war in eine Geschichte über den Menschen an sich, über das Böse im Menschen, als sie nicht mehr andere schlecht machte, sondern jeden über sich selbst zum Nachdenken brachte.

Es ist schon  bestürzend zu sehen, dass  Christen aus der Geschichte von Kain und Abel wieder eine Hetzgeschichte gemacht haben. Abel, das sei Jesus, legen Christen der ersten Jahrhunderte die Bibel aus. Kain, das seien die Juden. Sie haben ihn ermordet.

Zur Strafe verlieren die Juden ihre Heimat und müssen wie Kain  „unstet und flüchtig“ leben. Und das Kainszeichen? Das wird den Juden folgerichtig durch das Lateran - Konzil 1215 aufgezwungen. Juden müssen sich fortan durch eine bestimmte Kleidung kenntlich machen.

Gefährlich ist diese üble Nachrederei! Warum wird dem bösem Gerede über die Juden, die Polen, die Iraner, den Islam und wen auch immer so leicht und gern geglaubt? Warum fallen wir bloß immer auf Verleumdungsgeschichten herein? So verständnislos und unsensibel sind wir doch eigentlich gar nicht! Luther redet uns allen mit seiner Erklärung des 8. Gebots ins Gewissen: Wir sollen unsern Nächsten nicht verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.

 

Audiobeitrag Die Kenitersage und das Vorurteil


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