Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.08.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Burkhard Müller

Die alte Geschichte vom Brudermord

„Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Schnippisch kommt die Antwort und frech. Ja, Kain, das hättest du tatsächlich sein sollen, wie wir es alle jederzeit sein sollen:

Hüter unseres Bruders! Und acht geben auf Leben und Wohlergehen unserer Nächsten. Aber du, Kain, du hast deinen Bruder Abel erschlagen. Und als Gott dich fragt: „Wo ist dein Bruder Abel?“ da kommt deine freche Antwort: „Ich soll auf meinen Bruder aufpassen?“

Es ist eine biblische Sage aus der alten Zeit, Adam und Eva bekommen zwei Söhne, als ersten den Kain, dann den Abel. Was zunächst wie eine Familienidylle aussieht, zeigt bald tiefe Risse. Die beiden Söhne leben sich auseinander. Sogar ihre Religion praktizieren sie getrennt.

Jeder für sich, so bauen sie ihren Altar, jeder für sich schichten sie das Holz auf, jeder für sich bringen sie ihre Gaben dar. Und hier spitzt sich die Krise zu. Nicht, dass Gott, das Opfer des Kain verwirft. Davon ist nicht die Rede. Aber davon, dass Gott das Opfer des Abel gnädig ansieht. Warum bevorzugt Gott den jüngeren Bruder? Kain fühlt sich verletzt, ist eifersüchtig auf den Bruder. 

Er ist in der Seele gekränkt. Solche Kränkungen können uns gefährlich machen. Bisweilen zerstören tief Gekränkte ihr eigenes Leben,  durch Selbstmord, oder sie zerstören fremdes Leben. Manchmal reißen sie andere mit in den eigenen Tod.

Vor kurzem geschah es in einem Nachbarort: eine Frau verlässt ihren Mann. Wochen später holt der tief Gekränkte sein Jagdgewehr, erschießt erst die Frau, dann die Kinder, am Schluss sich selbst.

Wie destruktiv kann die Seelenkränkung werden! Wie nur können wir unsere Seelen vor Kränkungen schützen? In seiner Wut will Kain den Abel töten. Gott redet eindringlich zu Kain: „Kain gib acht, die Sünde lauert vor der Tür. Gib ihr keinen Raum!“ Aber Kain hört nicht auf Gottes Stimme in seinem Gewissen. Er lockt seinen Bruder aufs einsame Feld. Dort schlägt er ihn tot.

Man spürt das Erschauern in dieser Sage: So gefährlich und gefährdet sind Menschen: Schon in der zweiten Generation der Menschheit, so nahe bei dem Paradies, wird einer zum Mörder seines Bruders. Die Zeit dieser Sage ist Zeit der Blutrache. Blut gegen Blut. Kain hat den Tod verdient. Der Mord muss gesühnt werden. Abels Blut, das von der Erde zu Gott schreit, muss mit Blutvergießen gesühnt werden.

Aber – aufgemerkt! - die Bibel will es anders. Gott will nicht den Tod des Mörders. Das Leben des Kain steht unter Gottes persönlichem Schutz. Zwar bleibt die Tat nicht ohne böse Folgen für Kain. Sein Gewissen wird ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. „Unstet und flüchtig wirst du leben auf Erden!“ kündigt Gott an.

Aber Gott gibt ihm ein Zeichen an die Stirn, das Kainszeichen. Ein göttliches Schutzzeichen. Jeder, der dieses Zeichen sieht, soll es wissen: Er ist zwar ein Mörder. Aber auch der Mörder steht unter Gottes Schutz. Auch das Leben eines Mörders ist heilig. Man sollte das mal der BILD-Zeitung schreiben.

 

Audiobeitrag Die alte Geschichte vom Brudermord


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