Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.09.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Burkhard Müller

"Jönne könne"

Das war wie eine Ohrfeige für seine Seele. Kain, der älteste Sohn von Adam und Eva, geriet völlig aus der Fassung.

Dabei hatte ihm keiner etwas angetan, keiner ihn beleidigt, keiner ihn fies gemobbt oder mit seiner Frau betrogen. Nein, so erzählt der alte Mythos aus dem Anfang der Bibel: Kain gerät aus der Fassung, weil Gott das Opfer seines kleinen Bruders Abel gnädig angenommen hat, seins aber nicht besonders registriert hat.

Das ging dem Ältesten völlig gegen den Strich: So etwas war er nicht gewohnt. Er war der Älteste, der Liebling und Stolz der Eltern, er war beruflich auf dem neuesten Stand. Er war wohl groß und kräftig. Sein Bruder war klein und schmächtig, wie schon der Name sagte: Abel, d. h. „Hauch“, ein „fast Nichts“. Kain war immer der erste, Abel musste immer hinter ihm zurückstehen. Er blieb immer der kleine, der in der zweiten Reihe zu warten hatte. Erst der Kain und dann der Abel.

Und jetzt auf einmal war es umgekehrt: Der Kleine bekommt eine besondere Anerkennung Abels Opfer erfreute Gott in besonderer Weise. In Kains Augen war die Weltordnung  gestört, nach der die einen vorne im Licht ihren Platz haben, die andern aber hinten im Dunkel. Das war die Ohrfeige für die Seele.

Man kann natürlich sagen: Warum ist Gott ungerecht und kümmert sich nicht um alle gleich? Mit demselben Vorwurf hatte Jesus zu kämpfen. Er war besonders den Menschen am Rand der Gesellschaft nahe. Und immer wieder rechtfertigt er diese scheinbare Ungerechtigkeit mit Worten wie: „Die Gesunden brauchen den Arzt nicht, sondern die Kranken.“

Da passt nun die wunderbare Jesusgeschichte von einem Bauern. Einer der beiden Söhne hat keine Lust zur Landwirtschaft, er lässt sich sein Erbe auszahlen. Mit viel Geld  bricht er auf und sucht das wahre Leben. In Kneipen hält er Unbekannte als gute Freunde frei, seine Sexualbedürfnisse tobt er mit bezahlbaren Frauen aus. Dann ist das Geld alle. Und er am Ende.

Der andere Bruder ist zuhause, hilft dem Vater fleißig. Er ist tüchtig und vom Vater wohl hoch geachtet als unersetzbare Stütze. Der Vater freut sich, dass er diesen Sohn hat. Trotzdem sorgt und sehnt er sich im Herzen wegen des verlorenen Sohns. Der entschließt sich eines Tages nach Hause zu gehen. Der Vater sieht ihn von weitem, läuft ihm entgegen schließt ihn vor Freude in die Arme, Er lässt ein Fest vorbereiten, denn: „Mein Sohn war tot und ist wieder lebendig.“

Alle sind glücklich. Einer nicht, der andere Bruder. Der ist sauer. Die Freude des Vater über den andern empfindet er wie eine Ohrfeige für die Seele. Wie bei Kain. In beiden Geschichten kommen starke und gute Menschen nicht damit zurecht, dass Benachteiligte besondere Zuwendung bekommen. Es empört sie.

Gott aber meint: Die Kranken brauchen den Arzt. Die Schwachen haben mehr Unterstützung nötig. Das müssen die Starken verstehen und aushalten. Sie müssen dringend lernen, was der Kölner so nennt: „jönne könne“!

Audiobeitrag "Jönne könne"


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