Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.08.06, 8.05 Uhr, Pfarrer Johannes Doering

Dummheit und Freiheit zu Jeremia 8,4-7

Für dumm verkauft zu werden ist beleidigender als zum Bösewicht gestempelt zu werden. Denn den Bösen nimmt man zumindest ernst. Man fürchtet ihn.

Vielleicht bildet er sich sogar etwas darauf ein. Den Dummen aber verachtet man und macht über ihn abfällige Witze. Dabei kann Dummheit, wenn sie Macht und Einfluss gewinnt, sehr gefährlich werden. Wo wir dagegen über eigene Dummheiten lachen können, entschärfen wir sie in ihren schädlichen Auswirkungen auf andere und uns selbst und beweisen damit zugleich innere Stärke und Größe. Ich grüße Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, herzlich. Mein Name ist Johannes Doering; ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.

Dietrich Bonhoeffer, Theologe und Widerstandskämpfer im Dritten Reich, der vor hundert Jahren geboren wurde, hat sich einmal in brillanter Weise über menschliche Dummheit und Bosheit geäußert:

Sprecher:
„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern. Das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt. Gegen die Dummheit aber sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch mit Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten. Gründe verfangen bei einem dummen Menschen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, glaubt er einfach nicht, und wenn sie unausweichlich sind, schiebt er sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen  -  es ist sinnlos und gefährlich.“

Autor:
Mit Dummheit hat Bonhoeffer nicht mangelnde Intelligenz gemeint. Dummheit ist weniger ein geistiger als vielmehr ein menschlicher Schaden, sie sitzt nicht im Kopf, sondern im Herzen. Es gibt intelligente Menschen mit einem scharfen Verstand, aber einem banalen, oberflächlichen Wesen und einer ziemlich dummen Arroganz; und es gibt sogenannte einfache Menschen mit einem wachen Blick, einem aufrichtigen Herzen und gesundem Menschenverstand, die genau wissen, worum es jeweils geht.

Dummheit kann nerven, sprachlos machen oder sogar zur Verzweiflung treiben. Das hat auch der Prophet Jeremia vor über 2600 Jahren erlebt. Er hat sich gegen die Verblendung seiner Zeitgenossen gestemmt, er hat unermüdlich gewarnt und gemahnt. Aber gerade die führenden Schichten, die geistige, politische und religiöse Elite des Landes, haben sich jeder Einsicht und allen guten Argumenten verschlossen. Selbst Gott, so sagt der Prophet, ist über so viel Verbohrtheit fassungslos:

Sprecher:
So spricht der Herr: „Wo gibt es so etwas, dass einer fällt und nicht wieder aufstehen will? Dass er auf Abwege gerät und nicht gern wieder umkehrt? Warum bleibt dieses Volk bei seinen falschen Göttern und weigert sich, zu mir zurückzukehren? Ich sehe und höre, wie sie auf ihren Lügen beharren; keiner bereut seine Bosheit und sagt: ‚Was habe ich nur getan!’ Alle rennen auf ihrem Irrweg weiter wie ein Hengst, der in die Schlacht stürmt. Der Storch unter dem Himmel kennt seine Zeit; Turteltaube, Kranich und Schwalbe wissen, wann sie wiederkommen sollen, und halten sich daran. Aber mein Volk will von meinen Ordnungen nichts wissen.“

Autor:
Jeremia sieht seine Zeitgenossen blindlings in ihr Verderben rennen und fragt: „Wo gibt es so etwas, dass einer, wenn er irregeht, nicht gern wieder zurechtkäme?“ Darauf scheint es nur eine Antwort zu geben: „So etwas gibt es nicht!“ Vorausgesetzt allerdings, dass dem Betreffenden überhaupt bewusst ist, dass er in die Irre geht. Nur: das ist er oft nicht und will es auch gar nicht wissen! Und wenn ihn einer darauf hinweist, ist er ihm dafür keineswegs immer dankbar, sondern nimmt es ihm unter Umständen sogar sehr übel. Denn wir Menschen hängen an unseren Illusionen, sind verliebt in sie und verteidigen sie verbissen gegen alle Kritik und alle Einwände.

Wo gibt es so etwas, fragt Jeremia, dass einer, wenn er fällt, nicht gern wieder aufstünde? Vielleicht ist er ja einigermaßen weich gefallen und liegt durchaus bequem! Sich aufzuraffen, aufzustehen, eigene Entscheidungen zu treffen, sich ein eigenes Urteil zu bilden und es vielleicht sogar gegen den Widerstand oder den Spott anderer zu vertreten: das kann mühsam und anstrengend sein. Das bringt nur Ärger und Probleme. Darum bleibt er lieber liegen, eingebettet in den Strom der gängigen Meinungen und Vorurteile.

Oder er weiß zwar, dass eigentlich nicht richtig ist, was er tut, und dass es schlimme Konsequenzen haben kann. Aber er beruhigt sich: „Es wird schon gut gehen. Mich wird es schon nicht treffen.“ Oder: „Ja, ich weiß, dass ich etwas ändern muss. Aber nicht heute, sondern morgen.“ Aus „morgen“ aber wird „übermorgen,“ aus „übermorgen“ dann „irgendwann“ und aus irgendwann schließlich „nie.“

Und nicht zuletzt gibt es auch Menschen, die am Boden liegen und laut jammern, aber gar nicht wollen, dass man ihnen aufhilft, sondern nur dass man sie bedauert. Sie leiden zwar unter ihrer beklagenswerten Lage; zugleich aber nutzen sie sie auch aus, um sich die Aufmerksamkeit und Zuwendung anderer zu verschaffen. Darum wollen sie ihre Lage gar nicht wirklich ändern. Und wenn sie jemand aufzurichten versucht oder sie sogar auffordert, aktiv daran mitzuwirken, klagen sie um so lauter und weisen dieses Ansinnen als Zumutung und Überforderung zurück.

Wo gibt es so etwas, dass einer sich nicht gern aufhelfen und wieder zurechtbringen lässt? Überall gibt es das, und ständig. Denn wir lassen uns in unseren Entscheidungen oft sehr viel stärker durch unsere Gefühle, durch oft mehr unterbewusste als bewusste Ängste oder Hoffnungen, Feindbilder und Vorurteile leiten als durch vernünftige Überlegungen; auch da, wo wir scheinbar ganz sachlich und nüchtern nachdenken und diskutieren  -  unseren Verstand setzen wir häufig nur dazu ein, geschickt zu begründen und zu erreichen, was das Gefühl mit Macht verlangt.

Autor:
Nahezu unmöglich ist es, mit einem Menschen vernünftig zu reden, der nur unbesehen nachplappert, was andere ihm eingeredet haben. Hören wir dazu noch einmal Dietrich Bonhoeffer:

Sprecher:
 „Man spürt es im Gespräch mit einem solchen Menschen geradezu, dass man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat, die über ihn mächtig geworden sind. Er ist in einem Banne, er ist verblendet. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Es ist gerade hier ganz deutlich, dass nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden kann.“

Autor:
Das wusste schon der Prophet Jeremia. Auch er hat von einer Befreiung gesprochen: keiner nur äußerlichen Befreiung, sondern einer Befreiung, die von innen her kommt. Davon, dass Gott einen neuen Bund mit den Menschen schließen und ihnen sein Gesetz und seine Liebe „in ihren Sinn und ihr Herz schreiben“ will. Da werde niemand mehr den anderen maßregeln und belehren, ihn für dumm verkaufen oder sich für dumm verkaufen lassen. Wer sich von Gott bejaht und geliebt und mit ihm verbunden weiß, wird gegenüber allen irdischen Autoritäten und den Urteilen anderer Menschen innerlich frei und unabhängig. Er kann seiner Einsicht und der Stimme seines Gewissens folgen und Verantwortung für sich selbst und andere wahrnehmen.

Vielleicht beginnt auch unsere Befreiung damit, dass wir uns fragen: „Meine ich wirklich, was ich da sage oder denke? Oder folge ich darin nur Gesetzen, Maßstäben oder vielleicht sogar Ängsten und Drohungen, die andere in meinen Sinn und mein Herz geschrieben haben? Wem will ich damit gefallen, wem etwas beweisen, wessen Anerkennung gewinnen? Könnte ich mir selber noch in die Augen sehen, wenn ich so handle, wie ich es vorhabe?“

Hören und vertrauen Sie auf Gott und stehen Sie zu sich selbst  -  Sie werden damit etwas von der inneren Sicherheit und Freiheit gewinnen, die Jeremia mit dem schönen Bild von den Zugvögeln beschreibt: „Der Storch unter dem Himmel kennt seine Zeit; Turteltaube, Kranich und Schwalbe wissen, wann sie wiederkommen sollen, und halten sich daran.“ Der Anblick der Vögel hat die Menschen von je her angerührt, ihre Phantasie, ihr Fernweh und ihre Freiheitshoffnung beflügelt. Die Zugvögel fliegen über Länder und Kontinente hinweg; aber sie irren dabei nicht ziellos umher, sondern finden ihren Weg und kehren immer wieder zurück.

Sie folgen dabei einem unbewussten Instinkt. Wir Menschen dagegen müssen immer wieder bewusst entscheiden  -  und können dabei auch irren. Davor bewahrt uns auch unser Glaube nicht. Aber uns kann und soll vergeben werden. Gott aber kann am Ende sogar noch aus dem, was wir falsch machen, Gutes wachsen lassen. „Ich glaube,“ so hat Bonhoeffer geschrieben, „dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer fällt, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Am Mikrophon verabschiedet sich von Ihnen Pfarrer Johannes Doering von der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.

 

Audiobeitrag Dummheit und Freiheit zu Jeremia 8,4-7


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