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Die Überwachungskamera
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Als ich neun Jahre alt war, durfte ich mit meinem Vater zum ersten Mal für zwei Tage nach Ostberlin reisen.
Morgens in der Frühe ging es über die Grenze am Bahnhof Friedrichsstraße, abends zurück. Am Abend des ersten Tages war ich ganz erschlagen von den vielen Eindrücken. Wir standen auf dem Platz direkt vor dem Grenzübergang. Aber mein Vater und sein Freund wollten und wollten nicht aufhören zu reden so setzte ich mich müde auf einen Blumenkübel ganz in ihrer Nähe. In meiner Jackentasche klimperten die restlichen Ostmark, die ich tagsüber nicht hatte ausgeben können. Dass ich sie nicht in den Westen zurückbringen durfte, wußte ich.
Eigentlich schade
, dachte ich mir mit meinen 9 Jahren. Wieso verscharre ich sie nicht hier in dem Blumenkübel und hole sie mir morgen früh wieder heraus? Vielleicht kann ich mir dann morgen dafür etwas Nettes zu kaufen. Gedacht, getan. Am nächsten Morgen konnte ich das Ende der Grenzkontrollen kaum abwarten. Der Blumenkübel war schnell wieder gefunden, aber was war denn das? Die Erde war bereits aufgescharrt und ... von meinen Münzen war weit und breit keine Spur.
Dass der Platz komplett überwacht wurde von versteckten Kameras...das wußte ich damals natürlich noch nicht. Doch das Gefühl, heimlich beobachtet worden zu sein, überkam mich im Nu. Mehr noch: Ich wurde das Gefühl nicht los, etwas Böses gemacht zu haben. Und das hat mir so lange im Magen gelegen, dass ich die Episode bis heute nicht vergessen habe.
In der Geschichte der Kirche wurde Gott viel zu oft genau so vorgestellt: Wie eine versteckte Überwachungskamera. Wie eine heimliche Instanz, die jede unserer Regungen verfolgt, die uns bis ins Innerste kennt und erforscht, vor der wir keine auch noch so kleinen Geheimnisse haben können und sollten wir doch
- aussichtslos: Denn Gott bleibt nichts verborgen.
Eine Gottesvorstellung, die uns Menschen nicht ermutigt, unser Leben in Freude und Freiheit anzupacken, sondern die am laufenden Meter Schuldgefühle produziert. Beklemmung. Kein Wunder, dass manch einer sagte, mit so einem Gott will ich nichts mehr zu tun haben. Wenn Gott aber nichts gemein hat mit einer versteckten Kamera und einem damit verbundenen moralischen Zeigefinger, ist es ihm denn egal, wie wir leben und handeln?
Die Geschichten der Bibel sagen mir etwas anderes: Es kommt auf dich an. Du bist wichtig. Es ist nicht egal, ob du JA sagst oder NEIN, ob du wegschaust oder anpackst. Es ist ein Unterschied, ob du deine Arbeit tust in Verantwortung vor Gott und für die Menschen, oder ob dir das alles egal ist. Diese Welt kann wärmer werden durch dich - darin liegt dein Würde, Mensch. Darin liegt deine Bestimmung.
Vor kurzem hatte mein Mann einen Unfall mit dem Rennrad. Er stürzte mitten auf einer großen Straße in den Straßenbahnschienen. Sofort eilten Passanten herbei, zogen ihn von der Fahrbahn, schauten nach seinen Verletzungen und riefen den Krankenwagen. Mehr noch: Einige blieben bei ihm und redeten mit ihm, bis der Krankenwagen nach 20 Minuten endlich eintraf.
Das war so wohltuend, diese Erfahrung sagte mein Mann später. Wenn du wirklich in Not bist, dann sind da Menschen, die dir helfen, die einfach bei dir bleiben, die nicht weiter eilen, die warten, bis du versorgt bist. Wenn Menschen sich so verhalten leuchtet etwas auf von Gott, der sieht und hilft und nicht zusieht und bestraft.
Die Überwachungskamera
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