| |
Der Garten
Mein Großvater war gewiss kein einfacher Mensch, etwas schrullig würde man heute vielleicht sagen, aber ich erinnere mich genau deshalb so gerne an ihn.
Im Sommer standen wir am Wochenende manchmal früh auf, um zu ihm zu fahren und Obst zu ernten. Denn er hatte nicht nur einen alten Dachboden, der mit dem wunderbarsten Gerümpel gefüllt war, er hatte auch einen riesigen Garten voller alter Obstbäume.
Wenn unser Auto in den Hof einbog, dann war es nur noch eine Frage von Sekunden: Dann eilte mein Großvater schon herbei. Seine Augen sprühten, aufgeregt schien er, voller Tatendrang und wirklich viel Zeit zum Schwätzen war nicht. Denn er hatte bereits alles vorbereitet: Sämtliche Leitern des Hauses hatte er schon an den Bäumen im Garten verteilt. Eimer mit großen Haken standen darunter. Wir konnten und sollten das natürlich auch gleich loslegen, auf die Bäume steigen und ernten.
Dieser Garten war sein ein und alles das konnte man an seinen Augen, an seinen Blicken ablesen. Als er 80 Jahre alt wurde, fing er noch an zu malen. Inzwischen war die Gartenarbeit mühselig für ihn geworden. Dafür schmückten jetzt Bäume und Blumen, Äpfel oder Birnen seine Ölbilder. Seit einem Jahr haben wir auch einen Garten. Viel zu klein, um darin Obstbäume zu pflanzen und doch: Wenn ich von der Arbeit komme und das Wetter gut ist, gehe ich zuerst durch den Garten. Das Grün der Blätter und Blumen beruhigt meine Augen: Jetzt ist Feierabend, nimm Platz, lass es dir gut gehen, sagt mir der Garten und er sagt mir das viel deutlicher als unsere Wohnung. Denn ein Garten lädt ein zum Schauen, zum Staunen, zum Sitzen, zum Verweilen.
Besonders gerne gehe ich am Wochenende frühmorgens durch den Garten: Wenn es ringsum in der Siedlung noch ruhig ist. Wenn die letzten Schnecken sich noch nicht verkrochen haben und der Tau noch auf dem Gras liegt. Während ich meinen Kaffee schlürfe und vielleicht hier und da etwas Unkraut zupfe, fällt mir mein Großvater wieder ein. Er ging morgens oft barfuss durch seinen Garten. Tautreten. Da kommt der Kreislauf so richtig in Gang, sagte er und außerdem ist es ein ganz intensives Gefühl
mit nackten Füßen durch den weichen Rasen zu waten...! Manche sagen: Der Mensch, der Morgen und der Garten diese drei, die gehören zusammen. Es sei ein Motiv in vielen alten Erzählungen.
Mir fällt dann auch der Morgen ein, an dem die Frauen, damals in Jerusalem in den Garten gingen, in dem Jesus begraben lag. Sie wollten seinen Leichnam salben mit kostbaren Ölen. Was für ein Schreck, als sie sehen, dass das Grab leer ist und der Leichnam weg. Sie drehen sich um und sehen einen Mann. Der Gärtner, denken sie. In Wirklichkeit aber war es Jesus, der Auferstandene.
Dass Jesus in dieser biblischen Geschichte und übrigens auch auf manchen Bildern und Holzschnitten aus dem Mittelalter - verwechselt wird mit einem Gärtner mir gefällt das. Jesus umgeben von Gras und Blumen, von Bäumen und Wind. Er schaut, was gebraucht wird, wässert, wo es an frischem Wasser fehlt oder entfernt das Unkraut, wo es die Luft zum Atmen nimmt.
Das glaube ich gerne: Dass Jesus so leidenschaftlich für uns sorgt, wie mein Großvater, wie ich selbst und viele andere in diesem Land für ihre Gärten und Blumen sorgen.
Der Garten
|