Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.08.06, 8.56 Uhr, Pfarrerin Antje Rösener

Der Kampf um das Erbe

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, 40% aller Haushalte werden in den nächsten zehn Jahren ein Erbe antreten – so offizielle Schätzungen.

Soweit – so gut! Allerdings: ein Viertel aller Erbfälle enden im Streit. Wenn’s ums Erben geht, gibt es in den besten Familien Zoff. Das ist kein Geheimnis und übrigens: Auch nichts Neues.

In der Bibel gibt es eine Geschichte, die unverblümt den Erbkampf zweier Brüder schildert: Jakob und Esau. Das Drama, kommt einem beim genaueren Hinsehen, bekannt vor. Wie in einem Spiegel kann man die Etappen eines heutigen Erbstreites in der alten Geschichte nachverfolgen.

Da ist der Protagonist Jakob. Er hat nicht nur das Pech, als Zweiter geboren zu sein, er ist auch darüber hinaus vom Vater nie wirklich beachtet worden. Diese Zurücksetzung nagt an ihm, aus dieser Wunde wächst Neid, wächst Eifersucht, wächst der Streit um das Erbe. Als der Vater alt wird, leitet Jakob alles in die Wege, um seinen Bruder auszutricksen. Nur der Erstgeborene kann den Segen des Vaters erhalten. Jakob erschleicht sich diesen Segen mit einer heimtückischen List.

Kämpfe um das Erbe haben ihre Gründe, das wird hier deutlich. Zum Beispiel: eines der Kinder oder auch alle haben das subjektive Gefühl, zu kurz gekommen zu sein: Die eine ist immer bevorzugt worden. Der andere hat immer den besseren Teil erwischt. Die eine war schon immer ihr Lieblingskind. Der andere hat schon immer das größere Stück des Kuchens bekommen.

So entsteht dieses Gefühl, was angesichts des Erbes dann häufig zum Streit führt: Jetzt nicht schon wieder dieses alte Spiel. Dieses Mal sorge ich für mich. Jetzt hole ich mir, was mir zusteht.

Eine ganz natürliche Reaktion – vor allem dann, wenn die Eltern ihre Kinder wirklich ungerecht behandelt haben. Es beginnt mit einem Satz und schneller als alle gedacht haben, schaukelt sich die Sache hoch. Die biblische Geschichte von Jakob und Esau malt das Elend vor Augen: Zwar bekommt Jakob das Stück vom Erbe, das er wollte. Zwar geht seine Strategie auf. Aber dann trifft ihn der Zorn seines Bruders. Jakob muss fliehen. Er verliert die Vertrautheit und den Schutz seiner Familie. Er verliert Heimat. Und, was viel schlimmer ist: Den Streit mit seinem Bruder wird er nicht los. Die Sache verfolgt ihn sein Leben lang. Bis in die Träume, bis in den Schlaf.

Erst nach vielen Jahrzehnten, nach vielen inneren Kämpfen, nach langem Ringen ist Versöhnung möglich. Allerdings: der Sieger von damals muss jetzt den ersten, schwierigen Schritt zur Versöhnung tun. Dann erst können die beiden Brüder sich um den Hals fallen, sich küssen und weinen. Ein Erbstreit, der einmal versöhnlich endet.

Gott sei Dank ist das auch heute noch so. Viele ziehen irgendwann die Notbremse. Sie begreifen: Das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, trägt jeder irgendwo unter seinem Herzen und wir säen es ganz gewiss auch in die Herzen unserer Kinder. Aber sich deshalb am Erbe dauerhaft zu zerstreiten – dieser Preis ist zu hoch. Vater und Mutter zu verlieren, ist schwer genug. Da will man sich doch mit Bruder und Schwester nicht auch noch verkrachen.

 

Audiobeitrag Der Kampf um das Erbe


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