Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.08.06, 8.56 Uhr, Pfarrerin Antje Rösener

Die Entdeckungsreise

In diesem Jahr habe ich mit meiner Familie zum 7. Mal in demselben Ort in Norditalien Urlaub gemacht. Ein kleines Bergdorf in Ligurien, ganz in der Nähe des Mittelmeeres.

Es ist weder besonders reich an Sehenswürdigkeiten, noch besonders herausragend an Schönheit. Wir sind dort irgendwann durch irgendeinen Tipp mal gelandet und fahren seitdem immer wieder dorthin. Eine Vorstellung, die mir noch vor 10 Jahren zuwider war.

Ich erinnere mich, als Helmut Kohl noch Kanzler in Deutschland war, konnte man in jedem Sommer in der Zeitung lesen, dass er wieder zum Urlaub an den Wolfgangssee aufgebrochen war. Zum 17. Mal, zum 20. Mal oder auch zum 23. Mal. Mein Mann und ich haben darüber oft unsere Witze gemacht. Inzwischen also: Sieben Mal Norditalien und wenn ich mich umhöre, geht das vielen so. Viele machen gerne an einem Ort Urlaub, an dem sie bereits 1x oder gar mehrmals gewesen sind. Was ist daran so reizvoll? Was bringt die Wiederholung? Es beginnt schon damit: Auf der Fahrt schwelgen wir in alten Erinnerungen. Fahren wir wieder an den Strand, wo es das leckere Eis gab? fragen die Kinder?

Der Ort spricht schon zu uns, bevor wir ihn betreten haben. Die Eisdiele, der Dorfplatz, der Strand – alles Orte, an denen Erinnerungen hängen, Erlebnisse, Erfahrungen. Wir beginnen nicht bei Null, wenn unser Auto dort ankommt. Wir bauen auf etwas auf. Die Gegend dort ist schon mit uns verwoben, wir kennen Häuser, Pflanzen, Geräusche, sogar einige Gesichter und freuen uns auf weitere Begegnungen. Der Reiz der Wiederholung – obwohl das Neue in unserer Gesellschaft viel höher im Kurs steht. Das Prädikat „NEU“ adelt in den Werbebroschüren jedes Produkt. Eine brandneue Technik verheißt Gutes, wogegen die Wiederholung schnell in den Geruch der Langeweile gerät. Die Kraft der Religionen, auch des Christentums, die Kraft eines Gebetes oder eines Gottesdienstbesuches zum Beispiel entfaltet sich sehr häufig erst in der Wiederholung.

Eine Freundin erzählte vor kurzem, dass es ihr richtig schlecht gegangen sei. Nach vielen Jahren habe sie deshalb mal wieder einen Gottesdienst aufgesucht und dort nach Kraft gesucht. Sie sei aber total enttäuscht nach Hause gegangen. Ich weiß natürlich im Einzelnen nicht, was dort los war. Vielleicht hatte die Pfarrerin einen schlechten Tag. Vielleicht hat sie ein Thema gehabt, was meine Freundin gerade überhaupt nicht beschäftigte. Wer will das schon schaffen, 50 oder 60 Gottesdienstbesucher gleichermaßen anzusprechen. Was aber klar ist: Die Religionen haben nicht umsonst Rituale entwickelt. Sie sind Hilfen für uns. Das Abendmahl zum Beispiel ist ein solches Ritual. Ein Ritus, der überall auf der Welt, wo Christen Gottesdienst feiern, wiederholt wird. Immer dieselben Worte, dieselbe Geste: Das Teilen von Brot und Wein.

Wer es feiert, erinnert sich vielleicht an sein erstes Abendmahl damals bei der Konfirmation oder an einen Open-Air-Gottesdienst, wo hunderte von Menschen einander das Brot brachen oder als man im Krankenhaus lag und dort zum Gottesdienst ging, um sich stärken zu lassen. Jedes weitere Mal baut auf alten Erfahrungen auf, knüpft daran an – so wie der wiederholte Besuch eines Urlaubsortes. Ich lebe dann nicht nur aus dem, was der Moment mir gerade bietet, sondern auch aus dem, was vorher gewesen ist. Ich beginne nicht wieder bei Null. Das ist das Geheimnis, das ist die Tiefe und auch der Mehrwert eines Rituals. Um es zu entdecken, muss ich mich selbst auf die Reise begeben. Kein Pfarrer, keine Pfarrerin kann mir diesen Weg ersparen.

 

Audiobeitrag Die Entdeckungsreise


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