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Das Boot
Manchmal sind es Blicke von Menschen, die mir unter die Haut gehen. Manchmal ist es ein Lachen. Manchmal sind es Worte. Vor kurzem besuchte ich einen alten Mann.
Er lebt allein in seiner Wohnung. Er ist nicht akut krank, aber seine Kräfte werden immer weniger. Der Tod beschäftigt ihn. "Es wäre sooo schön seufzt er auf einmal und machte dann eine lange Pause. - Was? Was wäre sooo schön??? - Es wäre soo schön, wenn man wüsste, dass man beim Sterben wirklich heimkehrt. Wirklich irgendwo empfangen wird, wirklich zu Gott kommt. Mir verschlug es für einen Moment die Sprache
! Da fuhr er auch schon fort. Früher habe ich das geglaubt. Ganz fest geglaubt. Aber nun habe ich immer so viele Zweifel.
Das kam mir bekannt vor. Das Zweifeln gehört zum Glauben eines Erwachsenen dazu. Es beweist: wir schlucken nicht mehr alles, was man uns auftischt, wir denken selbst nach und machen uns unsere eigenen Gedanken.
Und im Übrigen, wie soll man etwas 100% ig glauben, was man noch nie gesehen hat und was einem auch kein Mensch auf Erden beweisen kann? - Ich glaube, wir haben da alle unsere Zweifel - sagte ich deshalb. Das zu hören machte ihn fast ärgerlich, das fand er gar nicht. Es gäbe gewiss Menschen, die das fest glauben würden, einige davon würde er sogar kennen
und das sagte er nicht mehr aber ich spürte, dass er es dachte: Insgeheim hatte er das wohl auch von mir als Pfarrerin erwartet. Dass ich ihm nun endlich den lückenlosen Beweis würde bieten können: So wird es sein: Sie brauchen nicht zu zweifeln, sie werden heimkehren zu Gott unserem Vater. Sie werden empfangen.
Wenn ich selbst an den Tod denke, sagte ich ihm, dann spüre ich das auch: wir stehen am Ende, ganz am Ende mit leeren Händen da. Welchen Posten man einst hatte, wie viel Geld auf den Konten liegt nichts davon zählt. Um diesen letzten Schritt machen zu können, zählt vielleicht nur eines: Das Vertrauen, das ich im Leben zu Gott aufgebaut habe. Dann zählen die Momente, die er mir nah war und ich ihm. Die nähren meinen Glauben, dass nach dem Tod mehr ist als ein dunkles schwarzes Loch.
Dass der Tod nicht das letzte Wort behält, sondern Gott größer ist als der Tod. Ich kann es nicht beweisen. Niemand kann es beweisen. Aber ich kann sagen: So habe ich Gott kennen gelernt: Seine Kraft - größer als alles Dunkle, größer als der Tod. Da hat sich jemand über Jahre verkrochen und von den Menschen abgewandt und auf einmal taut er auf und wendet sich wieder dem Leben zu.
Da verliert jemand den Partner und scheinbar alle Lust am Leben, aber dann nach vielen Monaten wendet sich das Blatt, er verliebt sich von Neuem und ist sooo glücklich
! Da hat jemand den Weltkrieg überlebt, Bombennächte, Hunger und Arbeitslosigkeit und es doch gewagt, eine Familie zu gründen und seinen Kindern Freude am Leben zu vermitteln.In solchen Geschichten, in solchen Schicksalen spüre ich, dass Gott wirkt und das Dunkle und Schwere nicht dunkel und schwer sein lässt. Darauf will ich bauen.
Und so hoffe ich, dass dieser Glaube für mich am Ende ist wie ein Boot. Wie ein Boot, dem ich mich anvertrauen kann. Wie ein Boot das mich abholt und hinüberträgt von dieser Welt
in jene andere.
Das Boot
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