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Alles ist mir erlaubt, aber ...
Ich habe für den heutigen Sonntag aus dem vorgeschlagenen Predigttext einen einzigen Vers herausgesucht.
Den Vers 12 aus dem 6. Kapitel des 1. Briefes des Apostel Paulus an die Korinther:
Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. 1. Kor 6,12 Luther 1984
Liebe Gemeinde, Habt ihr während eurer Schulzeit abgeschrieben? Hattet ihr ähnliche Diskussionen mit euren Mitschülern und Eltern, wie die Konfirmanden eben in ihrem kleinen Sprechstück? Am Ende meiner Schulzeit sagten wir: Mit Gottes und des Nachbarn Hilfe haben wir unser Abitur geschafft. Manchmal waren die Klassenarbeiten eher eine sportliche Herausforderung zwischen uns und dem Lehrer, als eine Lernstandserhebung. In gewissem Sinne waren es Lernstandserhebungen der besonderen Art. In unteren Klassen kann man dies noch als Lausbubenstreiche verordnen, doch in höheren Klassen wird die Einordnung solchen Tuns immer schwieriger.
In allen Kulturen und Religionen finden wir ähnliche Sätze. Unser Predigtvers ist so alt wie die Menschheit selbst. Jeder von uns weiß, ich bin frei zu handeln, aber nicht jedes Handeln führt mich weiter. Es ist die ewige Frage: Was soll ich tun? Wie soll ich handeln? Die alten Griechen lösten dieses Problem mit vier Kardinaltugenden: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Wer diese Tugenden verwirklichte, konnte ohne Gefahr zwischen den Abgründen des Lebens wandern. Er oder sie war auf dem richtigen Weg mit seinem Leben. Es gabt für denjenigen, der diese Tugenden beherzte keine Dinge, die ihn gefangen nehmen konnten. Um die heutigen Abgründe zu umgehen sind diese Tugenden aktueller den je: Die Bibel sagt, alles ist mir erlaubt und wir sind zur Freiheit berufen. Wir dürfen alles, sagt die Bibel. Wahrlich keine Generation vor uns hatte solche Möglichkeiten. Das Internet ein Segen und ein Fluch zugleich. In Bruchteilen von Sekunden können wir Nachrichten über die ganze Welt verbreiten. In Bruchteilen von Sekunden können wir in Lebenswelten eindringen, die Schrecken und Angst hervorrufen.
Heute warten nur Mausklicke am Computer entfernt Bilder, die die Seele unserer Jugendlichen zerstören, genauso wie sie unsere eigenen Seelen zerstören. Wir wissen um die Existenz dieser Seiten. Klar, nicht alles was ich tue dient dem Guten und manches Mal lasse ich mich von Dingen gefangen nehmen. Tausend Mal gehört, Ende der Predigt?
Was gibt es neues? Wer alles darf, verliert sich leicht. Ich darf alles, aber ich muss lernen mit dieser Freiheit umzugehen. Die beiden Abgründe der Ängstlichkeit und der völligen egoistischen Freiheit tun sich vor mir auf.
Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. 1. Kor 6,12
Gelegentlich hilft es, einen so allgemeinverständlichen Satz neu zu verstehen, indem wir solch einen Satz gegen seinen Kamm bürsten. Drehen wir den Satz einmal um: Es ist mir verboten und es dient trotzdem dem Guten. Eine Geschichte des wohl bekanntesten Lausbuben der Welt- Michel aus Lönneberga soll dies verdeutlichen.
Astrid Lindgren, die großartigste Kinderbuchautorin, die ich kenne, erzählt: Michel, ein kleiner Junge in Schweden besucht einige Tage vor Weihnachten ein Armenhaus. Er bringt, wie es üblich ist zur Weihnachtszeit, Lebensmittel dorthin. Die Aufseherin, des Armenhauses, ein fürchterlicher Drache, will die Lebensmittel aber erst Heiligabend verteilen. Als es Heilig Abend wird, fehlt ein klitzekleines Würstchen. Daraufhin entfällt für die Bewohner das Weihnachtsfest, während sich die Aufseherin mit all den guten Speisen voll frisst. Als Michel davon erfährt, wird er unglaublich zornig und beschließt am 2. Weihnachtstag ein Festmahl für die Armenhäusler zu geben. Nachdem er und seine Familie Heilig Abend und am 1. Festtag gut gegessen hatten, fährt seine Familie zu Verwandten. Michel bleibt allein zu Hause. Mit einer List gelingt es ihm, die Aufseherin, die selbst das vermisste Würstchen gegessen hatte, mit ihrer Gier aus dem Armenhaus zu locken und die Bewohner zu sich nach Hause zu bringen. Das Unglück oder besser das Glück nimmt seinen Lauf. Michel fährt für die Armenhäusler auf, alles was seine Familie im Herbst eingelegt und eingekocht und in der Vorweihnachtszeit für das Fest vorbereitet hatte. Astrid Lindgren braucht fast 2 Buchseiten, um all die Köstlichkeiten aufzuzählen wie Blutklößchen, Weihnachtsschinken, Käsekuchen, Wacholderbier und sogar ein Spanferkel um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Die Armenhäusler aßen den ganzen Weihnachtsvorrat auf. Seine Eltern und seine Verwandten, die sich am 3. Weihnachtstag bei Michels Eltern trafen, viel vor Schreck der Unterkiefer runter, denn die Armenhäusler hatten nicht die kleinste Kleinigkeit übriggelassen. Es war ein Weihnachtsfest, von dem noch die Engel in 1000 Jahren sprechen werden.
Wie üblich wird Michel für seine Tat mit Arrest im Tischlerschuppen bestraft. Hätte Michel nach unseren Vorstellungen gehandelt, wäre dieses Weihnachtsfest für die Armen anders verlaufen. Michel handelt für unser Verständnis verrückt. Es war ganz und gar nicht erlaubt so zu handeln aus der Sicht seiner Eltern. Aber es nützte den Armen in einem unaussprechlichem Maße. In Michel wird uns Erwachsenen liebenswürdig ein Spiegel vorgehalten. Nicht wir stehen im Mittelpunkt, sondern unser Nächster und die Frage nach Gerechtigkeit.
Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.
Liebe Gemeinde, Astrid Lindgren beschreibt das Leben in Schweden als das schwedische Sozialsystem noch nicht entwickelt war. In der Geschichte von Astrid Lindgren gibt es reiche Bauern, deren Mägde und Knechte, die weit entfernt lebenden Verwandten und es gibt Menschen in Armenhäusern. Diese sogenannten Armenhäusler fristen ihr Leben, sind auf Almosen der Reicheren angewiesen. Im Armenhaus lebten alte Menschen, Menschen die aus dem Netz der Sicherheit herausgefallen waren wegen Krankheit, Unfall oder Alter. Sie waren abhängig von einer Betreuerin und den Sachspenden der Nachbarn. Sie waren von der Teilhabe am Leben ausgeschlossen. Durch Zufall wurde ihre extreme Not Michel bekannt.
Natürlich haben sich die Zeiten verändert seit damals. Das soziale Netz in Deutschland und in vielen anderen Ländern fängt die heutigen Armenhäusler auf und gibt ihnen Schutz und Würde. Es war ein mühsamer Weg, alle Beteiligten in die Pflicht zu nehmen die reichen Bauern, die Begüterten, die Knechte und Mägde, die Angestellten und Arbeiter und natürlich die Armen.
Doch heute scheint es so zu sein, als würden die Bauern, die Unternehmer stetig reicher, die Knechte und Mägde also die Angestellten und Arbeiter zunehmend in Richtung Armenhäusler gedrängt. Und dort nimmt die Zahl der Bewohner wieder zu. Was hat Michel getan? Er hat den Gewinn des Unternehmens seiner Eltern an die Armen verteilt. Auf die ängstliche Frage seiner Schwester, ob sein Tun nicht Unfug ist, antwortet er: Die Verwandten, die zu Besuch kommen, seien eh schon satt und: Es ist doch wohl besser, das Essen kommt dorthinein, wo es Nutzen bringt.
Die Armenhäusler in Michels Geschichte waren durch ihre Aufseherin derart verschüchtert, dass sie nicht wagten, aufzumucken. Heute wagt in Deutschland kaum einer aufzumucken, außer man hat einen Job wie die Ärzte, von denen wir alle abhängig sind. Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust ist so groß, dass viele die Faust in der Tasche ballen und mehr arbeiten für weniger Geld, staatliche Mehrbelastungen hinnehmen, obwohl so viel Geld verschwendet wird. Der Bundesrechnungshof, der Bund der Steuerzahler und die Kritiker der Kassenärztlichen Vereinigung können Lieder davon singen. Die unbezahlten Praktika für jugendliche Auszubildende werden immer mehr.
Ob unsere Gemeindemitglieder, ob unsere Gesellschaft dem Druck der in die Hunderte von Millionen gehenden Arbeitsheere in Indien und China standhalten können? Hier ist mehr Kreativität gefragt, mehr als ständig die Sozialstandards in Deutschland zu senken und die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich zu erhöhen oder die Steuern für Unternehmen weiter zu senken und die Verbrauchsteuern anzuheben. Die Armenhäusler trauten sich damals nicht, ihren Drachen los zu werden, weil dieser Drache jeden Einzelnen total verschüchtert hatte. Alleine kommt keiner weiter. Jeder von uns wird gegen den anderen ausgespielt. Wir könnten uns aber weltweit vernetzen und zusammentun und Sand ins Getriebe der wildgewordenen Wirtschaft streuen.
Liebe Gemeinde, Was ist Reichtum? Gehört die Erde nicht allen Menschen? Sollten die Reichtümer der Welt nicht allen zu teil werden? Heute wandern die Reichen in die armen Länder, um ihren eigenen Reichtum noch größer zu machen.
Die Teilnehmer des Religionsgipfels in Moskau vor einem Monat, an dem Vertreter der Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus und der Shinto Religion teilnahmen (vom 3.-5. Juli), stellten mit großem Ernst diese Fragen. Sie sagen: Was Wirtschaft wirklich effizient macht ist, wenn sie den Menschen wohl tut.
Die Evangelische Kirche in Deutschland hat im letzten Monat eine neue Denkschrift zur Armut in Deutschland herausgegeben: Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität. Dort wird die neue Armut thematisiert.
Natürlich brauchen wir Menschen, die etwas wagen und unternehmen. Wir brauchen Unternehmer. Aber nicht jedes Unternehmen dient zum Guten. Wenn mich die Maximierung des Gewinns oder der Shareholdervalue gefangen nimmt, dann ist nicht mehr alles erlaubt. Die vier Kardinaltugenden gelten auch für Unternehmer: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Der Reichtum und die Arbeitnehmer sind nur von Gott geborgt. Das letzte Hemd hat keine Taschen...
Die Welt hält genug für alle Menschen bereit. Selbst wenn die reichen Länder, den armen Ländern solche Feste ausrichten, wie Michel seinen Armenhäuslern, wenn die reichen Länder den armen ihre Schulden erlassen, gehen die Reichen nicht zu Grunde. Das Essen soll dorthin, wo es Nutzen bringt. Der Schuldenerlass des vorletzten G8 Gipfels war ein Anfang.
Vereinzelung führt in noch größere Not. Da ist es gut, wenn Menschen wie Michel sich solcher verängstigten Menschen annehmen. Wir als Kirchengemeinden tun etwas gegen diese Vereinzelung jeden Sonntag und darüber hinaus. Wir singen und beten, in manchen Gemeinden gibt es wie bei uns nach dem Gottesdienst den Kirchenkaffee. Hier besteht die Möglichkeit sich auszutauschen, gegenseitig zu stärken, Ideen zu entwickeln, z.B. wie eine alleinstehende Frau mit Kind, doch ihren Arbeitsplatz behalten kann. Dass ein älterer Herr noch einige Jahre in seinen eigenen vier Wänden wohnen kann. Oder es wird einfach das Wissen ausgetauscht, ich weiß wo ein Arbeitsplatz oder Ausbildungsplatz frei ist.
Eine verblüffende Gesellschaftskritik lässt Astrid Lindgren ihren Michel verkünden. Lausbubenstreiche sind heute nötiger denn je. Lassen wir uns von seiner Kreativität anstecken. In jeder Kirchengemeinde steckt so viel davon.
Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.
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