Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.08.06, 7.45 Uhr, Bettina von Clausewitz

Ukrainische Zwangsarbeiter - "Kommen Sie uns doch besuchen!"

Autorin: Immer wieder räuspert sich Demjan Saborotnev vernehmlich, seine Finger spielen unruhig mit dem Mikrofon auf dem Tisch.

Es fällt dem alten Mann aus der Ukraine nicht leicht, über das düsterste Kapitel seines Lebens öffentlich zu sprechen. Aber dann ist die Erinnerung stärker als die Scheu und er beginnt zu erzählen: Vom  Zweiten Weltkrieg, als er - gerade erst 19 Jahre alt – zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde. Als Fabrikarbeiter und später als Hilfspfleger in Mülheim:    

O-Ton: Evangelische Krankenhaus – genau - Gestapo ...  Mülheim!  Er wurde von der Gestapo verhaftet, sie haben ihn geschlagen und dann nachher wurde ihm gesagt, er soll in Mülheim bis Ende des Krieges bleiben. 

Autorin: Demjan Saborotnev ist einer von rund 1.200 Zwangsarbeitern, die in der Evangelischen Kirche im Rheinland und ihrer Diakonie schuften mussten: in Küchen, Kinderheimen, Hospitälern oder auf dem Feld. Im Rahmen eines 2001 gestarteten „Begegnungs- und Versöhnungsprojektes“ ist ihnen im Frühsommer mit einer Ausstellung in den Diakoniewerken Kaiserswerth und Kreuznach ein Denkmal gesetzt worden, die zuvor in der Urkaine gezeigt wurde. Jetzt kann sie ausgeliehen werden. Es gehe darum, „ein Verbrechen dem Verschweigen zu entreißen“, aus christlicher Verantwortung, meinte Landeskirchenrat Jörn-Erik Gutheil bei der Eröffnung in Düsseldorf:

O-Ton: Die Erlebnisgeneration stirbt allmählich aus und damit könnte auch der falsche Eindruck entstehen, wir hätten keine Aufgabe mehr Erinnerungskultur zu betreiben. Das Gegenteil ist der Fall. Wir müssen solche Ausstellungen machen, um den jungen Menschen überhaupt ein Bild zu verschaffen, was damals in Deutschland möglich war - und was nie mehr möglich sein darf.   
   
Autorin: Und so waren es vor allem Schülerinnen und Schüler der beiden rheinischen Diakoniewerke und Studenten aus der Ukraine, die die alten Menschen  mit wachem Interesse befragt und ihre Erinnerungen aufgezeichnet haben.
Im biblischen Leitspruch jetzt für den Monat August wird Jesus zitiert, der sich selbst als „guten Hirten“ bezeichnet: „Ich bin gekommen, um ihnen das Leben in ganzer Fülle zu schenken“, heißt es im Johannesevangelium. Ist das ein Hohn angesichts von Menschen, die großes Unrecht erlitten haben? Nein, das würde der alte Saborotnev wohl nicht sagen. Es gleicht einem Wunder, aber er selbst  sieht sein Leben offensichtlich als „erfüllt“ an. Gott kann Leben reich machen, auch wenn sie von Leid geprägt sind.   

O-Ton: Nam nuschno eto  sabit   ... potomuschto mi Lüdi.      

Autorin: „Man muss das vergessen! Vergessen, weil wir Menschen sind“, sagt der 83-Jährige mit einem freundlichen Lächeln, ohne Bitterkeit oder versteckte Anklage. 60 Jahre nachdem er in Deutschland als Zwangsarbeiter misshandelt und erniedrigt wurde – gelebte Vergebung. Der Grund dafür ist die Menschlichkeit, die er hier auch (!) erlebt hat. Zum Beispiel als der Chirurg im Ev. Krankenhaus Mülheim, dem er assistiert hat, mitten in der Nacht einem Verwundeten die zerschossene Hand wieder angenäht hat, ohne Ansehen der Person. Der Patient war ein Russe.  
          
O-Ton: Kommen sie als Gast zu uns, kommen Sie – Wir werden sitzen am Tisch mit uns.  

Autorin: Eine Einladung in seine Heimat, das ist Saborotnevs Antwort auf die Frage, warum er der Versöhnung eine Chance gibt. Kommen Sie, kommen Sie und sehen Sie selbst -  das ist das Geschenk von einem, der Unrecht nicht ewig nachträgt und ein erfülltes Leben hat, weil er vergeben kann.       
             
Literaturhinweis: Dokumentation der Ausstellung

„Dass sie sich an uns erinnern und nach uns gesucht haben ...“ Erinnern, Suchen, Begegnen. Eine Schülerausstellung als Beitrag des Begegnungs- und Versöhnungsprojektes der Ev. Kirche im Rheinland.
Düsseldorf April 2006. DIN A 4, 70 Seiten, 12 Euro.

Bestellung über den Buchhandel oder
Landeskirchenamt EKiR, Landeskirchenrat Jörn-Erik Gutheil
Hans-Böckler-Str. 7, 40476 Düsseldorf
Tel. 0211 – 4562-350
Mail: joern-erik.gutheil@ekir-lka.de

 

Audiobeitrag Ukrainische Zwangsarbeiter - "Kommen Sie uns doch besuchen!"


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