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Dietrich Bonhoeffer und das Dilemma einer fraglosen Autorität
Autor: Einen schönen Sonntag Morgen. Mein Name ist Dr. Roland Hosselmann: Ich bin evangelischer Pfarrer in Lippstadt.
Sprecher: One of the greatest Germans of the 20th century was Pastor Dietrich Bonhoeffer.
Autor: Einer der größten Deutschen des 20. Jahrhunderts war Pastor Dietrich Bonhoeffer. Es war Georg W. Busch, der das gesagt hat: in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag im Mai vor zwei Jahren. Dafür gab es Zustimmung, Applaus, und zwar quer durch alle Fraktionen. Alle Rivalitäten und Polemiken der Parteien, sie traten zurück, wurden bedeutungslos und verschwanden für einen Augenblick. Nämlich im Augenblick der Verneigung vor dem Mann, der Dietrich Bonhoeffer heißt.
Für dieses Phänomen hat der Soziologe Jürgen Dinger einen Begriff entwickelt: Das Dilemma einer fraglosen Autorität. Gemeint ist: Da gibt es eine Persönlichkeit, die allseits anerkannt und respektiert wird, wie zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer. Indem nun aber jeder zustimmt, dass diese Persönlichkeit eine Autorität ist, fragt keiner mehr, worauf diese Zustimmung beruht und vor allem, wohin diese Zustimmung führt, mit welchen Konsequenzen sie verbunden ist. Wo das geschieht, droht jedoch eine doppelte Gefahr. Auf der einen Seite die Gefahr einer Vereinnahmung, die nicht mehr hinterfragt wird. Auf der anderen Seite die Gefahr einer Verehrung, die folgenlos bleibt.
Kein Wunder, dass dieses Dilemma einer fraglosen Autorität kritische Geister auf den Plan gerufen hat. So mancher Zeitgenosse, der sich mit Bonhoeffer beschäftigt, drängt nun im Gegenzug darauf, in aller Entschiedenheit herauszuarbeiten, worin genau und konkret denn nun eigentlich das Verpflichtende seiner Autorität, das Vorbildliche seiner Vorbildlichkeit besteht.
Was also sind die Gründe, die Bonhoeffer in den Rang einer allseits anerkannten Persönlichkeit erhoben haben? Doch zunächst gehen wir zurück ins Amerika der 30er Jahre. Hier lernte Bonhoeffer den Gospel kennen. Eine Musik, der es gelang, in einer Situation scharfer Rassen-trennung Schwarz und Weiß gleichermaßen zu berühren. Dieser grenzüberschreitende Impuls beeindruckte ihn tief. Hier ein Beispiel Go down, Moses .
Musik 1: Go down, Moses
Autor: Dietrich Bonhoeffer: Vornehm die Herkunft, umfassend die Bildung, tadellos der Auf-tritt. In einem Verhör gibt er zu Protokoll:
Sprecher: Ich gehöre mit Stolz einer Familie an, die sich um das Wohl des deutschen Volkes und Staates seit Generationen verdient gemacht hat.
Autor: Wer so schreibt, weiß, wer er ist. Einer, der zur Bildungs- und Gestaltungselite seiner Zeit gehört. Einer, der in seinem Selbstverständnis auf der Seite steht, wo man das Sagen hat und mitbestimmt, was in der Welt geschieht. Einer, der in seinem Selbstgefühl davon ausgeht, der Überlegene, nicht das Opfer zu sein.
Dann kam jener Tag im April 1943, an dem sich die Verhältnisse umdrehten. Die Gestapo kam, holte ihn ab, sperrte ihn in ein Gefängnis. In den ersten Tagen seiner Inhaftierung spielt er mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Er ist abgeschnitten von seinen Eltern, seinen Freunden, seiner Geliebten. Und trotzdem: Bonhoeffer gibt nicht auf. Was ihn aufrichtet, ist mehr als nur ein Selbsterhaltungswille. Er glaubt an die Zukunft und weigert sich, sie dem Gegner zu überlassen. Bonhoeffer gewinnt die Kraft, nach der Lehre zu fragen, die aus dem Hier und Jetzt zu ziehen ist. In seiner verzweifelten Lage stellt er die Warum- und Wozufrage gerade nicht rhetorisch. Sie ist bei ihm auch nicht Ausdruck einer Fas-sungslosigkeit. Im Gegenteil. Er findet Antworten:
Sprecher: Es bleibt ein Erlebnis von unvergleichlichem Wert, daß wir die großen Ereignisse der Weltgeschichte einmal von unten, aus der Perspektive der Ausgeschalteten, ... Unterdrückten und Verhöhnten, kurz der Leidenden sehen gelernt haben. [Denn dadurch ist] unser Blick für Größe, Menschlichkeit, Recht und Barmherzigkeit klarer, freier, unbestechlicher geworden .
Autor: Durch die Verinnerlichung dieser Perspektive von unten entdeckt Bonhoeffer: Menschlichkeit ist auf der einen Seite Mitmenschlichkeit. Auf der anderen Seite for-dert sie aber auch den ganzen Menschen. So wurde aus ihm der Inbegriff eines Humanisten.
Es gibt nun Menschen, die in Bonhoeffer nicht nur und auch nicht in erster Linie den großen Humanisten sehen. Für sie steht etwas anderes im Zentrum: der entschiedene Christ, der vor dem Hintergrund des totalen Staates ohne Rücksicht auf Verluste ernst macht mit seinem Glauben. In seinem Buch Nachfolge stellt er die teure Gnade der billigen Gnade schroff gegenüber.
Sprecher: Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade. Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Gott. Teure Gnade ist der verborgene Schatz im Acker, um dessentwillen der Mensch hingeht und mit Freuden alles verkauft, was er hatte. Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muß. Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft.
Autor: Hier redet ein Christ, der klar und deutlich zwischen Gott und Welt unterscheidet. Inmitten dieses Dualismus fordert er den Glauben dazu auff, Partei zu ergreifen und Farbe zu bekennen. Doch Bonhoeffer gibt dieser pietistischen Forderung, einen weiteren Inhalt und damit eine neue Stoßrichtung: Entscheidung für Christus, das war für ihn zugleich Entscheidung für die Bergpredigt und damit Entscheidung für eine Haltung, die in jedem Menschen unabhängig von Kultur und Kontinent den Mitmenschen sieht, der vor und für Gott wertvoll ist. Gerade in dieser Kombination von Glaube und Ethik liegt das Neue und Bahnbrechende.
In einer Kehrtwende gegen die gängige Theorie von der absoluten Autonomie des politischen Bereiches stellt Bonhoeffer klar: Der Staat kann sein Mandat, für Recht und Ordnung zu sorgen, verfehlen, verfälschen, ja in sein Gegenteil verkehren. Für diesen Fall sah Bonhoeffer ein dreistufiges Handeln der Kirche vor. Stufe 1: die Erinnerung an den wahren Auftrag des Staates. Stufe 2: die Solidarität mit den Opfern von Unrecht und Gewalt. Und schließlich faßt er als ultima ratio eine Option ins Auge, die das Mittelalter den Tyrannenmord genannt hat. Eine Option, die er Adolf Hitler gegenüber je länger je mehr für unausweichlich hielt und die ihn schließlich selber in den Widerstand führte.
Sprecher: Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen .
Autor: Bonhoeffer befürchtet, dass sich die Kirche einer notwendigen politischen Stellungnahme entzieht. Und gegen ein liturgisch-kultisches Ausweichmanö-ver, das gleich einer ganzen Gemeinde den Rückzug in eine kirchliche Binnenwelt ermöglicht, prägt Bonhoeffer den Satz: Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen . Bonhoeffer hat das politische Martyrium auf sich genommen. Sein christlicher Glaube ließ ihm keine andere Wahl.
Musik 2: Nobody knows the troubles
Der Kirchenkampf mit seiner Erfahrung eines totalitären und menschenverachtenden Staates brachte es mit sich, daß das Verhältnis von Kirche und Staat von Grund auf neu bedacht wurde. Doch auch innerhalb der abendländischen Christenheit kam es zu einem tiefgreifenden Umbruch. Verantwortlich dafür ist der Durchbruch des ökumenischen Gedankens. Bonhoeffer selber stammte aus einer Familie, die zwar christlich war, aber der Kirche distanziert gegenüberstand. Selbst am Heiligen Abend blieb man im Hause Bonhoeffer unter sich.
Doch das sollte sich ändern: Eine Studienreise führt den 18jährigen Studenten nach Rom. Er besucht den Petersdom, sieht den Papst, erlebt, wie man hier Messen feiert.. Bonhoeffer ist tief beeindruckt. Von nun an kämpft Bonhoeffer darum, auf dem Boden seiner evangelischen Identität die Rom-Erfahrung konstruktiv zu verarbeiten.
Sprecher: Gott ist frei nicht vom Menschen, sondern für den Menschen. Gott ist da, d.h. nicht in ewiger Nichtgegenständlichkeit, sondern mit aller Vorläufigkeit ausgedrückt, habbar, faßbar in seinem Wort in der Kirche .
Autor: In Finkenwalde, wo er ein Predigerseminar für angehende Pfarrer übernimmt, wird aus dieser Theorie Praxis. Die tägliche Bibelmeditation wird eingeführt. Feste Gebetszeiten strukturieren den Tagesablauf. Regeln für das Zusammenleben werden aufgestellt, wie etwa die, dass über einen abwesenden Bruder nicht gesprochen werden darf. Es ist spürbar katholisches Terrain, das hier betreten wird. Bonhoeffer war an vorderster Front dabei, als in der Ökumene des 20. Jahrhunderts ein neues Blatt aufgeschlagen wurde.
Für Bonhoeffer war Theologie alles andere als eine akademische Angelegenheit. Theologie war für ihn Denken aus Glauben im Kraftfeld der Bibel. So schreibt Bon-hoeffer über die gerade erst aus der Taufe gehobene Ökumenische Bewegung:
Sprecher: Ist die ökumenische Bewegung eine neue Gestalt des Selbstverständnisses der Kirche, so muß sie eine Theologie hervorbringen. Tut sie das nicht, so erweist sie sich als eine reine Zweckorganisation .
Autor: Eine reine Zweckorganisation, das wäre das Schicksal einer Kirche ohne Theologie. Bonhoeffer wusste, dass so eine Kirche keine Zukunft hat: weder vor Gott noch vor den Menschen. Deshalb sah er ihre Aufgabe und Bestimmung darin, jenseits aller funktionalen und medialen Gesichtspunkte die Wahrheitsfrage offen zu halten. Denn es ist die Wahrheitsfrage, an der sich letztlich entscheidet, ob die Kirche Kurs hält.
Bonhoeffer war einer der großen Deutschen des 20. Jahrhunderts. Humanist und entschiedener Christ, Ökumeniker und sprachmächtiger Theologe. Doch eins wollte er nicht sein: ein alle anderen übersteigender und damit letztlich isolierter Heiliger, den man einsam auf einen Sockel hebt. Ein Bruder unter anderen Brüdern und Schwestern das wollte er sein. Und wie sie aus dem Wort Gottes leben, das er nie aufgehört hat, evangelisch zu verstehen und auszulegen. Nämlich im Geist und Sinn der Rechtfertigungslehre. So schreibt er in seiner Ethik:
Sprecher: Ursprung und Wesen alles christlichen Lebens liegen beschlossen in dem einen Geschehen, das die Reformation Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden allen genannt hat. Was geschieht hier? ein Letztes, von keinem menschlichen Sein, Tun oder Leiden zu Ergreifendes. [Der Mensch] wird inne, daß ein Gott ist, der ihn liebt und annimmt, daß ein Bruder neben ihm steht, daß eine Zukunft ist bei dem dreieinigen Gott mit seiner Gemeinde .
Autor: Mit Swing low, sweet chariot , ebenfalls einem Lieblingsgospel Bonhoeffers, verabschiedet sich am Mikrophon Roland Hosselmann, evangelischer Pfarrer aus Lippstadt.
Musik 3: Swing low, sweet chariot
Dietrich Bonhoeffer und das Dilemma einer fraglosen Autorität
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