Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.07.06, 6.56 Uhr, Pfarrer Dr. Gerd Höft

Briefe an einen Sohn: die Taufe

156 Briefe in einer Schachtel. Vor ein paar Jahren habe ich die bekommen. Bei mir wären die gut aufgehoben, hat die Überbringerin gesagt.

Es sind Briefe, die ein Vater an seinen Sohn geschrieben hat – im Verlauf von fast 50 Jahren. Der erste stammt von 1955, der letzte von 2001. In einigen von ihnen geht es auch um Gott und den Glauben. In dieser Woche will ich Ihnen jeden Tag einen Brief vorlesen – meistens gekürzt und etwas verfremdet. Den ersten Brief hat der Vater am Vorabend der Taufe seines Sohnes geschrieben.

Krefeld, 25. Juni 1955
Mein lieber Christian,
morgen wirst du also getauft und ich kann dir gar nicht sagen, wie aufgeregt ich bin. Deine Mutter fährt dich gerade etwas spazieren und ich habe Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen. Ich bin in einer gottlosen Zeit groß geworden und die Erinnerung an die Kriegsjahre hängen immer noch wie Blei in meiner Seele. Erst so langsam kapiere ich, was da alles so schrecklich schief gelaufen ist und wie viel persönliche Schuld es gegeben hat. Ich kann mir nichts richtig vorwerfen, außer dass ich halt immer mitgelaufen bin – wie so viele. Als ich dich zum ersten Mal in den Armen deiner Mutter  gesehen hab, da war mein allererster Wunsch: in deinem Leben soll es nur Frieden geben.  Und kein Verführer soll jemals Macht über dich kriegen. Erst in den letzten Jahren hab ich einen Zugang zum Christentum gekriegt und es ist so etwas wie ein Glaube an Gott gewachsen. Ich bin mir sicher: der meint es gut mit uns. Mit der Kirche kann ich immer noch nicht so viel anfangen, aber das Taufgespräch beim Pfarrer neulich war viel besser als ich es erwartet habe. Der saß übrigens fast vier Wochen in Köln in einem Gestapokeller in Haft. Da wird der Glaube auf eine ganz schön harte Probe gestellt, da vergeht dir jedes salbungsvolle Geschwätz. Wir haben uns auf einen Taufspruch geeinigt, der wird morgen über dich gesprochen: Ich bin der Herr dein Gott, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Ich finde diesen Spruch sehr gut. Ich stelle mir vor, dass wir dir morgen einen Namen geben, aber Gott wird dir zusätzlich so eine Art geheimen Namen geben, der alles über dich aussagt, wer du bist, was du bist oder sein wirst. In dem du ganz du bist. Ich kann das nicht so richtig sagen, was ich meine. Wir werden dich also morgen auf den Namen Christian taufen, das ist ein menschlicher Name, damit wirst du dein Leben lang gerufen werden, von uns, von deinen Freunden, später mal von deiner Frau oder von wem auch immer. Und es werden auch Verführer dabei sein, die dich bei diesem Namen rufen werden, damit du Sachen machst, die  nicht gut sind, nicht gut für dich und andere. Aber wenn ich mir jetzt vorstelle, dass Gott dich in solchen Situationen bei deinem eigentlichen Namen ruft, den niemand kennt außer Gott, dann, so hoffe ich wenigstens, wirst du den hören und auf Gott hören und viele Fehler nicht machen, die wir gemacht haben. Und wenn  Gott dir in deiner Taufe diesen besonderen Namen gegeben hat, der alles beschreibt, was du wirklich bist, dann wirst du dich in deinem ganzen Leben auch nie verstellen müssen, nie verstecken müssen, nie dich oder andere über dich täuschen müssen – denn du weißt, irgendjemand kennt dich genau, Gott, und der hat dich lieb, wie es wahrscheinlich kein Mensch kann – und wenn es ganz schwierig werden wird einmal für dich, dann wird er dich bei deinem eigentlichen Namen rufen, du wirst ihn hören und es wird alles gut werden. Das wünscht dir von Herzen dein Vater

Audiobeitrag Briefe an einen Sohn: die Taufe


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