Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.08.06, 6.56 Uhr, Pfarrer Dr. Gerd Höft

Briefe an einen Sohn: das Zerwürfnis

Das Verhältnis von Eltern und Kindern bleibt selten störungsfrei. Möglicherweise ist das, was später zwischen Christian und seinem Vater passiert ist, auch nicht so selten.

In dem Paket Briefe, die Christians Vater an seinen Sohn geschrieben hat, fällt einer besonders auf; er ist mit Abstand der längste und der dramatischste. Es stammt aus dem Sommer 1991. Einige Jahre zuvor, schon kurz nach der Hochzeit seines Sohnes im Jahre 1985, haben sich Vater und Sohn massiv zerstritten. Seither haben sie kein einziges Wort mehr miteinander gesprochen. Der Kontakt total abgebrochen. Es gibt zwar Briefe aus diesen Jahren, aber einige vor allem aus der ersten Zeit wurden ungeöffnet zurückgeschickt; andere hat Christian offensichtlich behalten aber nie darauf geantwortet. Dieser Brief aus dem Sommer 1991 ist handgeschrieben 14 Seiten lang. Aber nicht deshalb ist dieser Brief bemerkenswert. Es ist ein Brief einer persönlichen Kapitulation, die nichts mehr für sich selber will, sondern nur noch etwas für andere. Dieser Brief hat eine Vorgeschichte. Im Frühjahr 1991 wurde Christians erstes Kind geboren. Er hat es seinen Eltern nicht mitgeteilt. Sie erfuhren es über Bekannte. Am 8.September 1991 sollte nun die Taufe sein. Auch dies erfuhren die Eltern nur über drei Ecken und sie waren auch nicht zur Taufe eingeladen. Das ist die Situation, in der Christians Vater seine Kapitulation und gleichzeitig seine Fürbitte niederschreibt. Ich lese nur die Passage der Fürbitte:

Krefeld, im August 1991
…so, lieber Christian, alles habe ich noch mal hingeschrieben; auch nach so vielen Jahren tut es weh. All der Schmerz, die Wut, die Trauer, die Enttäuschung. Aber ich will gar nicht mehr, dass du mich verstehst, auf mich eingehst, mir entgegen kommst und sei auch noch so wenig; nein, ich will nichts mehr für mich. Ich habe verloren, ich habe dich verloren und noch viel mehr. Du magst mit mir verfahren wie du glaubst verfahren zu müssen – so soll es dann sein. Aber bitte, bitte tu das deiner Mutter nicht an. Lade sie zur Taufe ein, nur sie. Was hat sie mit unserem Streit zu schaffen? Nichts. Sie hat mehr als genug darunter gelitten, dass du sie sozusagen in Sippenhaft genommen hast. Es war doch unsere Sache, nicht ihre. Du kannst ihr doch auch nicht vorwerfen, dass sie sich nicht zwischen dir und mir entscheiden wollte. In den letzten Wochen weint sie viel; ich kann es kaum ertragen. Bitte lade sie ein; nur um das möchte ich dich noch bitten. Du bringst dein Kind zur Taufe und legst es Gott ans Herz; Gott liegt aber auch die Versöhnung am Herzen. Bitte versöhn dich mit deiner Mutter und lass sie ihr Enkelkind sehen.

Lieber Hörer, liebe Hörerin, es folgt noch etwa eine Seite, in der Christians Vater weiter für die Versöhnung mit der Mutter wirbt. Wie ist die Sache ausgegangen? Endlich einmal ein Drama mit Happy end. Denn dieser Brief hat Christians Herz erreicht. Ich weiß es von ihm. Die Passage, in der Christians Vater nichts mehr für sich, sondern nur noch etwas für seine Mutter wollte, war der Schlüssel. Christian  hat sich zunächst mit seiner Mutter ausgesöhnt und wenig später auch mit seinem Vater. Bei der Taufe ihres Enkelkindes waren beide Großeltern dabei.

Audiobeitrag Briefe an einen Sohn: das Zerwürfnis


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