Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.08.06, 8.56 Uhr, Pfarrer Dr. Gerd Höft

Briefe an einen Sohn: die Konfirmation

In dieser Woche lese ich Ihnen einige Briefe vor, die ein Vater an seinen Sohn geschrieben hat zwischen 1955 und 2001. Gestern ging es um die Taufe seines Sohnes.

Heute sind wir 13 Jahre weiter. Der Brief stammt aus dem Jahr 1968 und ist wenige Wochen nach der Konfirmation seines Sohnes Christian geschrieben.

Krefeld, Mittwoch 22. Mai 1968
Lieber Christian, hat das wirklich sein müssen und das am Tag deiner Konfirmation? Wir hatten uns das alles so schön vorgestellt und wir haben gehofft, dir ein unvergessliches Erlebnis zu verschaffen. Das ist es ja auch leider geworden.
Ich kann Tante Thea auch nicht richtig leiden, sie geht mir auch auf die Nerven mit ihrer ewigen Besserwisserei. Aber hättest du dich an diesem Tag nicht etwas zusammenreißen können? Musstest du den Krach soweit treiben? Aber am schlimmsten war, dass du weggerannt bist und ich bin dich suchen gegangen und hab dich nicht gefunden. Weißt du eigentlich, wie viel Angst ich um dich hatte? Da war ich schon richtig erleichtert, als in der Nacht dein furchtbarer Kumpel dich wieder bei uns ablieferte – sturzbetrunken zwar aber immerhin sonst heil und gesund. Gut, das ist vorbei; aber eins beschäftigt mich immer noch: In dem Krach mit Tante Thea ging es ja auch um Gott. Da hab ich mich ja eingemischt und da hast du mich angebrüllt: „Sei du nur still, du kannst mit gestohlen bleiben mit deinem Gott!“ Und dass das alles so verlogen ist. Gott hier, Gott da und immer dann groß im Spiel, wenn Erwachsene nicht weiter wissen und dann wird der alte Kontrolletti hervorgeholt und dann ist immer Ende der Diskussion.“ Gott als der alte Kontrolletti, der alles beobachtet, kontrolliert und auch noch die kleinsten Vergehen bestraft. Du lieber Himmel. Habe ich dir wirklich dieses Gottesbild vermittelt? – dann habe ich alles falsch gemacht. Aber was ist falsch daran:  ich habe jeden Abend mit dir gebetet, als du noch klein warst. Wir haben gebetet, dass Gott ein Auge auf dich haben, dich behüten und vor allem Bösen bewahren möge. Was ist falsch daran: ich habe dir auch erklärt, dass Gott auch etwas von uns möchte: nämlich Eltern und Lehrer respektieren, seine Aufgaben und Pflichten erfüllen, sich anständig verhalten gegenüber Schwächeren. Ist dass alles schon in deinen Augen Kontrolletti? Eine billige Erziehungshilfe von dämlichen Erwachsenen. Konnte ich dir wirklich nicht vermitteln, wie viel Güte und Fürsorge darin liegt, wenn Gott ein Auge auf uns hat? Dass es uns hilft, wenn er nicht alles durchgehen lässt? Und uns doch nahezu alle Freiheiten lässt? Du selber hast doch von diesen Freiheiten und anderen reichlich gebrauch gemacht? Hat sich dir da jemand groß in den Weg gestellt? In deinen Augen bin ich jetzt also bescheuert, Tante Thea geisteskrank, deine Lehrer haben einen an der Waffel, dein Pfarrer ein Heuchler und Gott nichts anderes als ein Knüppel in der Hand derer, die andere unterdrücken und in ihrer Freiheit beschneiden. Im Augenblick hab ich den Eindruck, dass wir nicht mehr gut miteinander reden können, aber ich schreib dir ja nicht zum ersten Mal. Aber ich bin dein Vater, der dich lieb hat und lieb behält wie Gott auch unser aller Vater ist und uns lieb behält, egal was wir gerade so tun und denken.
Dein Paps

Audiobeitrag Briefe an einen Sohn: die Konfirmation


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