Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.08.06, 8.56 Uhr, Pfarrer Dr. Gerd Höft

Briefe an eine Sohn: die Trauung

Ein Paket Briefe liegt vor mir. Im Verlaufe von rund 50 Jahren hat sie ein Vater an einen Sohn geschrieben. Zu allen möglichen Anlässen oder einfach nur so.

Heute lese ich aus einem Brief, der einige Tage nach der Hochzeit seines Sohnes geschrieben wurde.

Krefeld, 24. Oktober 1985
Mein lieber Christian,
was war das für ein tolles Fest! Da passte ja wirklich alles. Zunächst hatte ich ja Sorge, weil es beim Standesamt ja ununterbrochen regnete. Gut, wir haben im kleinen Kreis halt das Beste daraus gemacht. Noch am Samstagvormittag hab ich sorgenvoll zum Himmel geschaut- aber dann, wie bestellt, lösten sich die Wolken auf und auf dem Weg zur Kirche schien dann schon die Sonne. Aber das muss ich dir doch noch mal sagen: mit deiner kirchlichen Trauung hast du mich schon überrascht. Wieso hast du mir eigentlich verheimlicht, dass du wieder in die Kirche eingetreten bist? Als du damals ausgetreten bist, hast du ein riesiges Theater drum gemacht. Erinnerst du dich noch? Du hast das damals als richtiggehende Abrechnung mit mir inszeniert. Damals wolltest du mir wehtun – und das ist dir ja auch gelungen. Ich hab lange gebraucht, um das zu akzeptieren. Es ist auch einiges nicht so gut gelaufen zwischen uns. Das konnte ich dann auch zugeben. Aber wir haben ja bald wieder einen neuen gemeinsamen Anfang gefunden. Das war schön und da spielte dein Kirchenaustritt auch nicht mehr die große Rolle für mich. Und jetzt das: wahrscheinlich hast du mir es deshalb nicht früher erzählt, weil du dich auf mein dummes Gesicht gefreut hast. Ist dir auch gelungen. Ich hoffe nur, du bist nicht extra wegen der Hochzeit wieder eingetreten. Das würde mir nicht gefallen – wenn ich mir vorstelle, du wärst nur vor Gottes Altar getreten, weil du ein schönes Fest haben wolltest, dann würdest du mich doch sehr enttäuschen.. Weißt du warum ich auch glaube, dass es dir mit der Kirche wieder ernst ist? Weil du einen so wunderbaren Hochzeitsspruch ausgesucht hast: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Da steckt schon soviel von deiner Lebensgeschichte drin. Du hast es dir und uns ja nicht leicht gemacht: der Schulabbruch, die Zeit, in der du in Berlin verschollen warst, Rückkehr. Lehre, Lehre abgebrochen, wieder Schule – aber dann zielstrebig: Abi. Studium, Beruf –toll! Aus allem bist du immer gut raus gekommen, nicht Böses ist an dir hängen geblieben. Und dann mit Claudi eine tolle Frau gefunden. Ich glaub’, ihr passt gut zu einander. Da kommt mir der Satz aus der Bibel vor, als hättest du dein bisheriges Leben bedacht und eben entdeckt, dass der liebe Gott in all der Zeit und trotz deines Widerstandes immer seine Hand über dich gehalten hat. Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Ja, lieber Christian, dass wünsche ich dir noch nachträglich zu deiner Hochzeit: dass du das nie vergisst, dass Gott da ist und dir Gutes tut und dass das auch ein guter Grund zum Loben ist.
Dein Paps

Audiobeitrag Briefe an eine Sohn: die Trauung


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