Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.08.06, 7.50 Uhr, Pfarrer Dr. Gerd Höft

Briefe an einen Sohn: vom Sterben

156 Briefe schrieb ein Vater an seinen Sohn. Im Verlaufe von fast 50 Jahren. Dieser hier ist sein letzter. Er trägt das Datum vom 6. Februar 2001.

Die Schrift ist krakelig und manchmal schwer zu entziffern. Die Unterlage ist ein Frühstückstablett, der Ort: ein Bett in einem Krefelder Krankenhaus. Seit acht Monaten liegt Christians Vater hier und nach einigen Operationen hat er keine Hoffnung mehr.

Mein lieber Junge,
Ich weiß, das wird mein letzter Brief an dich werden. Ich bin nur noch müde und manchmal fühle ich mich als wäre ich schon nicht mehr von dieser Welt. Ich schlafe viel, die wachen Zeiten schrumpfen. Selbst als du neulich da warst, bin ich einfach eingeschlafen. Tut mir leid. Das ist halt jetzt so. Ich finde es lieb von euch allen, wie ihr euch um mich kümmert; auch die Kleine, wie sie mir ihre Bilder gezeigt hat und von der Schule erzählt. Aber ich merke, es erreicht mich nicht mehr. Ihr versucht mich aufzumuntern und versprüht Optimismus. Ach, was seid ihr doch für schlechte Schauspieler. Glaubst du wirklich, ich wüsste  nicht, wie es um mich steht? Heut morgen - oder war es doch schon gestern - hab ich zum Doktor gesagt, er soll jetzt einfach aufhören, als er mir wieder erzählte, was man vielleicht noch alles machen könnte. Ich will nicht mehr, dass noch irgendetwas gemacht wird. Hörst du Christian: ich will nicht mehr. Sag das auch deiner Mutter. Es ist genug. Übrigens hab ich keine Angst, obwohl ich schon so dicht an der Grenze stehe. Nein, ich will dich jetzt nicht mit meinem Glauben nerven. Wir haben uns ja oft genug in unserem Leben damit gegenseitig genervt. Aber ich bin mir halt ganz sicher: auf der anderen Seite werde ich erwartet und so steht’s in der Bibel „Gott wird abwischen alle Tränen und den Tod wird es nicht mehr geben; auch keine Schmerzen“. So oder so ähnlich heißt es da. Schlag mal bitte nach, wo das steht. Über den Spruch soll die Pfarrerin bei meiner Beerdigung predigen. Machst du das? Wie das mit dem neuen Leben bei Gott ist, da denke ich oft nach. Mir fällt dann nichts Besseres ein als dieses Gleichnis, das ich schon vor Jahrzehnten gehört hab: Bevor ein Schmetterling zum Schmetterling wird, ist er eine Made, kriecht in der Erde herum. Die Made weiß nichts vom Licht, vom Himmel, von den Farben und dass sie einmal fliegen wird. Beim Sterben wünscht sie sich vielleicht in den Madenhimmel, der natürlich unter der Erde liegt, wo es schön dunkel und eng ist. Dann wird die Made zur Puppe und als Puppe weiß sie nichts mehr von der Unterwelt. Dann bricht die Hülle auf und ein bunter Schmetterling flattert ins Licht und an den Himmel. Was kümmert ihn die Made, die Puppe – er weiß nichts mehr davon. Er kennt nur Licht und Weite und Farben. So ist das mit uns Menschen. Jetzt sind wir wie Maden oder Puppen, aber Gott will uns als Schmetterlinge – das ist unsere Bestimmung und deshalb können wir uns aus diesem Leben verabschieden ohne Trauer, denn etwas viel größeres wartet auf uns, was wir uns nicht vorstellen können – und was doch da sein wird. Grüß alle von mir
Dein Paps

Christians Vater starb rund fünf Wochen später.

Audiobeitrag Briefe an einen Sohn: vom Sterben


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