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Die güldene Sonne
Autor: Ein Silberstreif am Horizont. Der nahe Wald, eben lag er noch im Dunkel, zeigt allmählich seine gezackten Konturen. Früh ist es, beinahe zu früh.
Ich spüre den Tau an meinen Füßen. Spüre die Müdigkeit der Nacht in allen Gliedern. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, doch schon begrüßen die Vögel den nahen Tag. Vor dem Himmel schwebt Dunst. Wie wird das Wetter? Ein Rest von Dunkelheit versinkt im Westen. Der Horizont im Osten beginnt zu leuchten, erst rötlich, dann golden. Schließlich so hell, dass ich meine Augen abwenden muss. Dann endlich überquert sie die Grenze, die Sonne, strahlend, triumphierend. Als wolle sie sie grüßen, taucht sie die Landschaft ringsum ins Licht.
Sprecherin: Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder, die lagen danieder; aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht.
Autor: Und nun? Folgt man dem Lied, ist dieser Tag, ist dieser Sonnentag ein spezieller Tag. Der Tag, an dem das Schauen im Mittelpunkt steht. Der Tag an dem ich mir Zeit lasse, genau hinsehe und mir Mühe gebe, zu entdecken, was ich sonst nicht erkenne. Der Tag, an dem ich lerne, die Welt als Schöpfung zu sehen, nicht durch Zufall entstanden, sondern von Gottes Händen gebaut. Es ist der Tag, an dem der Mensch in den Himmel schaut und zum Menschen wird, zum Geschöpf Gottes und zu seinem Ebenbild. Dieser Sonnentag, den der Dichter Paul Gerhard besingt, ist der Sonntag.
Natürlich ist für ihn, den Pfarrer der kleinen Stadt Mittenwalde in der Mark Brandenburg, der Sonntag Gottesdienst-Tag. Wie von Anbeginn die Sonne Morgen für Morgen aufgeht, so reiht sich die Gemeinde ein in die uralten Rituale, mit denen sich Menschen von jeher in den Dienst Gottes stellen, der sie die Woche über so reichlich beschenkt hat. Jetzt wollen sie ihm etwas von ihren Gaben zukommen lassen. Natürlich sind es nicht mehr die Tieropfer und Brandopfer, die das Volk Israel vor Jahrtausenden Gott an seinen Feiertagen dargebracht hat. Es sind nur Lieder, die die Gemeinde singt, doch sie haben für Gott ebenso großen Wert. Denn in ihnen bringen die Gläubigen etwas von sich selbst zum Ausdruck. Wer singt, legt sein Herz auf die Zunge. Die besten Güter sind unsre Gemüter, dichtet Paul Gerhard. Alles sei Gott zum Opfer gesetzt. Nicht nur alles, was ich habe. Sondern auch was ich bin, was in mir ist, was untrennbar zu meiner Person gehört, mein Herz, meine Seele, mein Gemüt. Alles gehört Gott und ich gehöre ihm .
Sprecherin: Mein Auge schauet, was Gott gebauet zu seinen Ehren und uns zu lehren, wie sein vermögen sei mächtig und groß und wo die Frommen dann sollen hinkommen, wann sie mit dfrieden von hinnen geschieden aus dieser Erden vergänglichem Schoß. Lasset uns singen, dem Schöpfer bringen Güter und Gaben; was wir nur haben, alles sei Gotte zum Opfer gesetzt! Die besten Güter sind unsre Gemüter; dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder, an welchen er sich am meisten ergötzt.
Autor: Gerne stimme ich in diesen Jubel ein: Über den Sonnenaufgang und das Erwachen, über die Schönheit dessen, was Gott gebaut hat, über die Hingebung (???) des Menschen.. Etwas abseits, nur selten für den Gesang im Gottesdienst ausgewählt steht die Strophe, in der etwas vom persönlichen Schicksal des Dichters aufscheint. Sie zeugt davon, wie schnell bisweilen der Jubel verfliegen kann. Wie schnell der Glanz aus meinen Augen weicht, und sich meine Aufmerksamkeit auf das richtet, was mich unzufrieden macht, neidisch, bitter.
Sprecherin: Lass mich mit Freuden ohn alles Neiden sehen den Segen, den du wirst legen auf meines Bruders und Nähesten Haus. Geiziges Brennen, unchristliches Rennen Nach Gut mit Sünde, das tilge geschwinde von meinem Herzen und wirf es hinaus
Autor: Das ist wie gedichtet für unsere Zeit, in der der Geiz zur Tugend erklärt wird, in der man uns einbläut, Leistung und Konkurrenz seien die Triebfeder des Wohlstands. Ein größeres Auto fahren als mein Nachbar, ein höheres Gehalt beziehen, als meine Kollegin, es zu mehr bringen als alle sonst aus meinem Jahrgang, kurz: mich orientieren an dem, was die anderen haben, können, bekommen. Orientiere ich mich daran, bin ich ständig mit dem beschäftigt, was ich nicht habe, statt den Reichtum der Schöpfung zu sehen. Und statt Freud und Wonne ist das Hadern der Refrain meines Alltags, die bittere Frage: Warum nicht ich? Warum wird der Dummkopf aus meiner Abteilung befördert und nicht ich? Warum bekommt mein Bruder den Löwenanteil vom Erbe der Eltern und nicht ich? Wieso hält die Ehe meiner Freundin und nicht meine? Warum bevorzugt das Leben die einen und die anderen kommen zu kurz? Für Paul Gerhard ist es der Kindersegen gewesen, nach dem er sich lange vergeblich gesehnt hat. Im Sommer war an den sich rundenden Bäuchen der jungen Bäuerinnen buchstäblich abzulesen, welchen Segen Gott da im kommenden Frühjahr auf so manchen Hof legen würde. Warum die? Warum nicht Paul Gerhard und seine Frau Anna-Maria, die nach dem frühen Tod des ersten Kindes keines mehr bekamen? Monat für Monat warten, hoffen, dann die Enttäuschung. Hilf mir, Herr, dass sich mein Blick mit der Zeit nicht verdüstert. Erinnere mich, dass du mich mit beschenkst, wenn du nicht meines, sondern das Haus nebenan so reichlich segnest.
Sprecherin: Geiziges Brennen, unchristliches Rennen nach Gut mit Sünde, das tilge geschwinde von meinem Herzen und wirf es hinaus.
Autor: Paul Gerhard ruft sich selbst zur Raison. Er weiß, wie leicht er in die Versuchung gerät, sich zu entschädigen - für das, was ihm das Leben vorenthält. Ich bekomme nicht, wonach ich mich am meisten sehne, also umgebe ich mich zum Ausgleich mit Dingen, die ich zu meinem Besitz erklären kann. Mit Genüssen, die mich den Schmerz über das Entgangene vergessen lassen. Bekommen auch wir bei allem Überfluss nicht das, wonach wir uns am meisten sehnen? Ist deshalb der Sonntag zum Tag des unchristlichen Rennens geworden, zum Flohmarkt- und Sonderangebotstag, an dem die unablässige Jagd nach dem Schnäppchen kaum noch eine Unterbrechung findet?
Sprecherin: Alles vergehet, Gott aber stehet ohn alles Wanken; seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund. Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund.
Autor: Jedes mal, wenn ich das Lied von der güldenen Sonne singe, werde ich auf den Rückweg gerufen. Ich weiß ja und muss mich nur daran erinnern: Nichts von dem, was ich festhalten kann, wird mich zufriedener machen. Zufrieden macht mich allein der versöhnte Blick, die Freude an dem was Gott nicht nur mir, sondern auch den Menschen um mich her als Gabe anvertraut. Glücklich macht mich, wenn ich alles um mich her als Geschenk betrachte. Nichts kann ich in Besitz nehmen doch alles ist für mich gemacht. Ich darf in ihr umherspazieren, in der Schönheit der Schöpfung. Ich darf ihren Duft einatmen, ihrem Gesang lauschen, darf mich hier und da noch in das Spielen der Kinder mischen. Darf den Sonnenaufgang am frühen Morgen mit ansehen und den morgigen Tag, den Sonntag, als den Tag des vorweggenommenen Paradieses erleben.
Die güldene Sonne
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