Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.08.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Dr. Gerd Höft

Briefe an einen Sohn: vom Ende

In den vergangenen Tagen habe ich Ihnen aus Briefen vorgelesen, die ein Vater seinem Sohn geschrieben hat.

Wenn Sie gestern mithören konnten, wissen Sie, dass es der letzte Brief von Christians Vater war, geschrieben kurz vor seinem Tod. In diesem Paket von 156 Briefen ist auch einer, der nicht von Christians Vater stammt, sondern von seiner Mutter. Die hat ihn wenige Monate nach dem Tod ihres Mannes geschrieben und weil er zu der ganzen Geschichte dazugehört, will ich heute und zum Schluss aus ihm vorlesen.

Krefeld, 30. Juli 2001
Lieber Christian,
da bist du sicher überrascht, dass du einen Brief von mir bekommst. Keine Sorge, ich will die Briefschreibtradition von deinem Vater nicht fortführen. Das war eine Sache zwischen euch beiden und dabei soll’s auch bleiben. Warum ich dir trotzdem schreibe,  ist einfach aus Feigheit. Ich konnte es dir neulich am Telefon nicht sagen. Du hättest dir sicher Sorgen gemacht und wärst wahrscheinlich noch von Dresden hierher gekommen. Aber hättest ja gar nichts machen können. Also:  ich bin heut morgen ins Krankenhaus gegangen, wo auch dein Vater gestorben ist. Und morgen werde ich operiert. Mir geht’s ja schon seit längerem nicht so gut. Aber dein Vater hat mich gebraucht, da konnte ich ja nicht schlapp machen. Jetzt haben die Ärzte gesagt, es ist höchste Zeit. Also bin ich hier und bringe es hinter mich. Es ist schon ein komisches Gefühl, jetzt selbst hier zu liegen. Und ein bisschen Schiss hab ich auch. Ich hab nicht diese Ruhe und Gelassenheit von deinem Vater. Ich werd nie verstehen, wie er sein Sterben so ruhig ertragen hat. Sicher, sein Glaube hat ihm da viel geholfen, aber dass er daraus so viel Geduld ziehen konnte und praktisch keine Angst vor dem Tod hatte, versteh ich bis heute nicht. Ich hab schon Angst, wenn ich an morgen denke und ich bin auch nicht unfromm. Aber halt nicht so wie dein Vater. In der letzten Zeit, wenn wir übers Sterben gesprochen haben, hat er immer gesagt: „Annilein, mir kann doch überhaupt nichts passieren. Ich sterbe doch nur.“ Und dabei richtig jungenhaft gelächelt. Lieber Christian, dein Vater fehlt mir so sehr. Es fällt mir schwer, mein Leben ohne ihn zu organisieren. Manchmal denke ich, wir wären besser zu zweit gestorben. Es ist nicht schön, wenn einer übrig bleibt. Und wie gesagt, mein Glaube ist nicht so groß, als dass er mir im Augenblick viel helfen würde. Vielleicht kommt’s ja noch. Jetzt hab ich dich doch mit meinen Sorgen belastet. Wollte ich eigentlich gar nicht. Ich wollt dir ja nur sagen, dass ich jetzt einige Tage wohl hier im Krankenhaus bin. Ich hab Telefon am Bett und schreib dir hier die Nummer auf. Ich freu mich auf deinen Anruf, aber bitte nicht gleich nach der OP. Lass mit etwas Zeit zur Erholung. So, jetzt mach ich Schluss, gleich kommt der Arzt. Er will mit mir über die OP reden. Grüß die Claudi von mir und gib der Kleinen einen dicken Kuss von der Omi. Deine Mama.

Liebe Hörerinnen und Hörer, während der OP ist Christians Mutter in ein Koma gefallen und zwei Tage später an Organversagen gestorben. Christian ist mit seiner Familie kurze Zeit später ins Westfälische gezogen; bei dieser Gelegenheit wurden mir die Briefe anvertraut.

Audiobeitrag Briefe an einen Sohn: vom Ende


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