Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.08.06, 11-12 Uhr, Gernot Hoersch

Autobahn

Ich bin neulich früh morgens mit einem Kollegen von Köln nach Frankfurt gefahren. Wir waren gerade ein paar Minuten unterwegs, da fuhren wir in einen Stau.

Direkt waren wir genervt. Warum muss uns das ausgerechnet heute passieren? Da hatten wir gerade jetzt gar keinen Nerv zu. Wir sind extra früh losgefahren.  Aber nein. Es war ganz schnell eine Viertelstunde vorbei. Und wir standen. Es ging keinen Meter vor. Noch nicht mal zurück. Wäre ja schön gewesen

Ein Rettungshubschrauber flog über unseren Köpfen ungefähr noch einen knappen Kilometer geradeaus und ging dann runter. Da haben wir gesagt: O, da vorne ist dann wohl ein heftiger Unfall passiert. Egal. Trotzdem wir wollten ja weiter. Schon standen wir da über eine Stunde da. Und wir wurden immer unruhiger, genervter und wütender und dachten: Mein Gott, warum musste das heute passieren. Ich guckte mich um und sah nach den anderen Autofahrern. Und die waren auch ungeduldig. Manche waren vor Wut schön errötet. Viele haben telefoniert. Termine verschoben, nehme ich an.

Und plötzlich kam im Radio die Nachricht, dass auf unserer Autobahn bei einem Unfall ein Mensch ums Lebens gekommen war. Mein Kollege und ich schauten uns fassungslos an. Während wir uns und auch alle anderen Autofahrer sich aufgeregt hatten, ist ein paar Hundert Meter vor uns ein Mensch ums Leben gekommen,  Aber wir hatten nichts besseres zu tun, als uns über die Verspätung aufzuregen. Das hat mich im nachhinein sehr betroffen gemacht, denn mir war klar, dass es für uns nur zwei, drei Stunden im Stau gewesen waren, während für jemand anderen das Leben endete und für dessen Familie im selben Moment die Welt zusammengebrochen ist.

Sprecher: Gernot Hoersch


 

Audiobeitrag Autobahn


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