Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.07.06, 8.05 Uhr, Pfarrer Dietmar Silbersiepe

Leben in Zelten

Ferienzeit. Urlaubszeit. Für viele heißt das: unterwegs Sein mit dem Wohnwagen oder dem Zelt. Ähnlich wie bei Abraham aus dem Alten Testament, von dem es heißt:

Er wohnte in Zelten. Nur dass das für ihn kein Urlaub war, sondern das Leben.
Mein Name ist Dietmar Silbersiepe, ich bin evangelischer Pfarrer in Düsseldorf-Eller. Zu den leidenschaftlichen Campern gehöre ich nicht. Aber dass der Glaube an Gott etwas mit Camping zu tun hat, davon bin ich überzeugt. Als der Apostel Paulus mal gefragt wurde, was er unter Glauben versteht, da hat er gesagt: Schaut euch an, wie Abraham geglaubt und gelebt hat, wie er die vertraute Umgebung seiner Heimatstadt aufgegeben hat, um in Zelten zu leben.

Sprecher:
„Da sagte Gott zu Abraham: Verlass deine Heimat, deine Sippe und die Familie deines Vaters und zieh in ein Land, das ich dir zeigen werde! Abraham folgte dem Ruf des Herrn und brach auf“. Erstes Buch Mose. „Er verließ seine Heimat, ohne zu wissen, wohin ihn der Weg führen würde“, betont der Hebräerbrief im Neuen Testament. „In solchem Vertrauen lebte er dann auch in dem Land, das Gott ihm zugesagt hatte: Er lebte in dem Land wie ein Gast und wohnte in Zelten“.

Autor:
Abraham, der Nomade, als Vorbild des Glaubens!
Ich habe also mit Campern gesprochen, den Nomaden auf Zeit, um zu hören und zu verstehen, wie das Leben in Zelten oder im Wohnwagen aussieht, was das Besondere daran ist, und was man daraus lernen kann für den Glauben, für das Leben mit Gott.

O-Ton 1 (Birgit Lerch):
Ich mach das ja schon ziemlich lange, so ungefähr dreißig Jahre, und ich bin das gewöhnt, es ist angenehm.

Autor:
Sagt die 61jähige Birgit Lerch, die mit ihrem Bruder jedes Jahr zum Zelten in die Bretagne fährt. Luftmatratze statt bequemes Hotelbett - und das im fortgeschrittenen Alter wie bei Abraham. Warum?

O-Ton 2 (Birgit Lerch):
Die Freiheit! Man kann schlafen so lange man will, man kann aufstehen, wann man will, man hört morgens die Vögel. Es ist einfach wunderschön. Wenn man früh aufwacht, sieht man die Sonne aufgehen. Man ist zeitlich absolut ungebunden, essensmäßig auch. Wenn schlechtes Wetter ist, kann ich den Krempel zusammenpacken und kann woanders hinfahren.

Autor:
Abraham stammte aus Ur in Chaldäa. Das liegt im heutigen Irak. Die Sesshaftigkeit in einer Stadt war sein Ausgangspunkt. Meiner auch. Mit allem, was dazu gehört: Eingebundensein in Pflichten, in vorgegebene Tagesabläufe, Hausordnungen, Vorschriften, Regeln, an die man sich zu halten hat. Unterwegs mit dem Zelt bist du frei und unabhängig. Stellt sich die spannende Frage: Wie schaff ich’s, mir von dieser Freiheit ein Stück zu bewahren - auch zu Hause in den vorgegebenen Strukturen? Auch im Alltag des Lebens will ich, soll ich unabhängig sein, gebunden allein an die Regeln, die Gott mir vorgibt. Abraham hat das geschafft, auch später als er wieder sesshaft wurde in dem Land, in das Gott ihn geführt hatte. In der langen Zeit unterwegs hatte er gelernt, sein eigener Herr zu sein, was für ihn hieß: Auf die Stimme Gottes zu hören und keine sonst.

O-Ton 3 (Martin Pilz):
An Abraham fasziniert mich total, dass er gespannt war auf das, was Gott für ihn vorbreitet hat und dass er sich in hohem Alter und obwohl er schon gesetzt war und alles hatte, was er zum Leben brauchte, noch mal neu auf den Weg gemacht hat.

Autor:
Dazu braucht man ne Menge Mut und Vertrauen. Martin Pilz weiß das und kennt das. Seit Jahren tourt er gemeinsam mit seiner früheren Freundin und jetzigen Ehefrau durch Irland, Island, Schweden, Griechenland mit Fahrrad oder Motorrad und Zelt.

Musik 1: On the road agani (Johnny Cash/Willie Nelson)

O-Ton 4 (Martin Pilz):
Die Wege, die ich zurücklege, sind immer neu. Ich mache dabei neue Erfahrungen, ich entdecke mit jedem Meter, den ich mich fortbewege, etwas Neues. Und etwas kommt auf mich zu, von dem ich nicht genau weiß, wie’s sein wird. Meistens isses gut.

Autor:
Und wenn’s nicht gut ist?

O-Ton 5 (Martin Pilz):
Dann muss man damit umgehen. Also, beispielsweise, zehn Tage Regen in Island mit dem Fahrrad und dem Zelt war mehr als anstrengend. Das war dann eine Grenzerfahrung. Die war wichtig. Dabei haben wir jeder 7 Kilo abgenommen, aber wir waren bereichert. Es war nur kein Urlaub in dem Sinn, sondern es war, ja, wirklich eine Grenzerfahrung, wo man was über sich lernt und über den andern lernt. Es schweißt aber zusammen.

Autor:
Von Grenzerfahrungen wusste auch Abraham ein Lied zu singen. Nicht überall war er mit seinen Zelten willkommen. Es gab Streit und Auseinandersetzungen. Auch innerhalb der eigenen großen Familie, die mit ihm unterwegs war. Sein junger Neffe Lot hatte andere Vorstellungen über den Kurs des Weges. Seine Ehefrau Sarah verlor die Geduld. Aber immer haben sie einen Weg gefunden und sich zusammengerauft und darauf vertraut: Gott wird uns führen an ein gutes Ziel, in ein gutes Land, das uns zur Heimat wird.

Auch das können wir von den Campern und dem Nomaden Abraham lernen: Alte festgefahrene Gleise verlassen, Sicherheiten aufgeben, Neues wagen, dabei Grenzerfahrungen machen und durchhalten im Vertrauen auf Gott!

Manchmal überrascht mich jemand mit der Bemerkung: „Du hast dich ja überhaupt nicht verändert“. Vermutlich ist das dann als Kompliment gemeint, doch in Wirklichkeit ist es keins. Ich hab mich nicht verändert? Das heißt doch: Stillstand, nichts bewegt sich, immer dasselbe, dieselben Gewohnheiten und Angewohnheiten, dieselben Rollen in immer demselben Stück. Wie entsetzlich, wie traurig, wie öde, wie langweilig! Das kann’s doch nicht sein. Lieber raus aus dem Trott und Aufbruch zu neuen Ufern! Im Vertrauen auf Gott. Der den Aufbruch und das unterwegs Sein mehr segnet als den Stillstand im behaglichen Nest des Gewohnten und Festgefahrenen.

Musik 2: I´ve been everywhere (Johnny Cash)

Autor: Ein Zelt ist offener als ein Haus, das man verriegeln kann. Camper sind kommunikative Menschen, zugänglich, gemeinschaftsfähig, mit der Außenwelt verbunden.

So wie Heike und Jörg Langenhorst, die ich in ihrem Wohnwagen treffe, der fertig gepackt vor der Haustür steht. In diesem Jahr geht’s nach Mecklenburg-Vorpommern, wo sie Ähnliches erwarten wie auf den unzähligen Campingplätzen in Frankreich oder Italien, die sie schon bereist haben.

O-Ton 6 (Jörg Langenhorst/Heike Langenhorst):
Man hilft sich gegenseitig, ist auch irgendwie mit den Nachbarn lustig, man guckt immer, was kocht der Nachbar denn heute, was kochen wir denn, das ist schon ganz nett eigentlich von der Atmosphäre auch. Und wenn man das Vorzelt aufbaut, dann setzen sich alle gemütlich hin und freuen sich, weil sie jetzt gleich was Lustiges zum Gucken haben.

Autor:
So wie Du anderen Menschen begegnest, begegnen sie Dir. Camper dürfen mit Gastfreundschaft rechnen.

O-Ton 7 (Martin Pilz):
Von den Menschen, die da wohnen, wird man zum Teil ’n bisschen belächelt. Auch zum Beispiel, wenn man in Griechenland mit dem Fahrrad unterwegs ist, halten die einen für bescheuert, sind aber trotzdem interessiert, warum man das macht, fragen einen aus, sind gastfreundlich, ja, sind offen dafür, einem zu helfen, auch wenn sie einen belächeln. Sehen die einem manchmal auch an, dass man Hilfe braucht.

Autor:
Im normalen Alltag, in den Wohnblocks der Innenstadt, hinter den verschlossenen Zäunen der Reihenhaussiedlungen passiert so etwas eher selten. Schade. Ne ganze Menge können wir von den Erfahrungen der Zelt- und Wohnwagenreisenden lernen:

O-Ton 8 (Martin Pilz):
Du kannst auf jeden Fall nicht alles mitnehmen. Du musst es ein bisschen planen, was du dringend brauchst und was du vielleicht auch in dem Land, wo du unterwegs bist, schlecht bekommst, was du aber nötig brauchst. Beispielsweise, wenn du Spirituskocher dabei hast zum Kochen und du weißt, in dem Land gibt es keinen Spiritus, dann musst da vorsorgen. Man muss sich beschränken bei dem, was man mitnimmt, das sehr genau aussuchen. Und Luxus kann man sich schwer erlauben, weil man für die Notwendigkeiten schon genug mitnehmen muss, eben für das Wetter unterschiedliche Kleidung, für’s tägliche Leben und Überleben sozusagen.

Autor:
Meine Güte, was häufen wir nicht alles an im Laufe der Jahre! Als Student bin ich noch mit einem R4 umgezogen, als Vikar brauchte ich einen Kleintransporter, als Pfarrer eine Spedition mit großem LKW. Hab ich alle diese Dinge wirklich nötig? Es würde uns sicher sehr gut tun, wenn wir zunehmend im Leben einüben, Nebensächliches von Wichtigem zu unterscheiden. Der Camper Abraham jedenfalls würde sagen: Richtet euch in dieser Welt nicht so ein, als ob ihr ewig lebt. Habt die Gelassenheit, auf so manches Unbedeutende und Zweitrangige zu verzichten! Lebt in der Freiheit der Kinder Gottes, die um das Provisorische des Lebens wissen!

Musik 3: Desperado (Johnny Cash)

Autor:
Mit einem Zelt steht man nicht auf eigenem, sondern auf fremden Grund.

O-Ton 9 (Martin Pilz):
In manchen Ländern, so zum Beispiel in Skandinavien, ist es so, dass es ein Recht gibt, auf fremdem Grund eine Nacht zu übernachten. Und wenn man dann länger bleibt, muss man dann mit demjenigen, dem das gehört, ins Gespräch kommen. Und manchmal wird man dann eben dagelassen, manchmal sagen die auch, es wäre schöner, wenn du gehst. Das ist ’ne gewisse Unsicherheit, aber auch das hat ’ne Spannung und ’ne Herausforderung.

Autor:
Ja, so müssten wir leben, als ob dass nicht unsere Erde wäre, auch nicht unser Land, unsere Stadt, unser Dorf. So hat es das ganze Alte Testament immer gesehen, bis dahin, dass es für die Bewohner Israels keine Möglichkeit gab, langfristig und auf Dauer Eigentum an Grund und Boden zu erwerben. Die Erde ist des Herrn, heißt es in einem Psalm. Sie gehört Gott. Uns ist sie nur geliehen und zur Benutzung überlassen. Gäste sind wir auf der Erde. Und darum können wir nicht über sie verfügen, wie wir wollen. Um Gottes willen haben wir sie zu hegen und zu pflegen. Abraham, hat es uns vorgemacht: Wie ein Gast lebte er nicht nur unterwegs, sondern auch später in dem Land, das ihm zur Heimat wurde.

Das Gefühl, beheimatet zu sein, braucht jeder von uns, einen Ort, an dem wir zuhause sind. Jörg Langenhorst fasziniert an Abraham:

O-Ton 10 (Jörg Langenhorst):
… dass er immer weiter gezogen ist, ohne ein festes zu Hause im Hintergrund zu haben, so wie wir das haben, wir kehren ja immer zurück, und Abraham ist immer weiter gezogen.

Autor:
Die irdische Heimat hat Abraham am Ende gefunden, in dem Land, in das er geführt wurde. Aber für ihn gab es auch so etwas wie eine himmlische Heimat, die Gewissheit bei Gott beheimatet zu sein, unter seinem Schutz und Segen zu sein. Nur so konnte er überhaupt am Anfang ins Ungewisse aufbrechen und seinen Weg gehen.

Von Abraham, dem Stammvater Israels, könnten wir einiges lernen: Wie Nomaden sind wir unterwegs auf der Erde in diesem Provisorium Leben, an allen Orten nur Gäste auf Zeit. Das macht frei und abhängig und verpflichtet zugleich. Wir lernen, gastfreundlich zu sein, auf Nebensächliches zu verzichten und die Erde wie ein kostbares Geschenk zu behandeln. Dass alles können wir, weil wir glauben: In Gott ist unser Leben verankert, unsere wahre letzte Heimat bei ihm. Eine gute Zeit, wo immer Sie auch sein werden, wünscht Ihnen Dietmar Silbersiepe von der Evangelischen Kirche in Düsseldorf.

Musik 4: Meet me in heaven (Johnny Cash)
 

Audiobeitrag Leben in Zelten


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen