Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.07.06, 8.56 Uhr, Pfarrer Reinhard Ellsel

Ferien

Die Sommerferien in Nordrhein-Westfalen dauern noch gut drei Wochen. Ferien: Für viele ist der Urlaub die schönste Jahreszeit. Endlich frei!

Keine Verpflichtungen mehr in der Schule oder am Arbeitsplatz. Der ausgelaugte Körper kann „alle viere von sich strecken“ und der gestresste Geist darf ausspannen. Dazu muss man nicht unbedingt verreisen. Ob auf „Balkonien“ oder auf der Insel Baltrum, ob in den Bergen oder in „Bad Meingarten“: in den Ferien ist endlich einmal die Zeit dazu, um das zu machen, was man möchte.

Sommerferien? Für viele beginnt heute eine neue Arbeitswoche. Sommerferien? Einem Bekannten von mir huscht da nur ein müdes Lächeln übers Gesicht. Er hatte seinen Urlaub schon um Ostern genommen. Jetzt im Betrieb ist nur die halbe Belegschaft an Bord. Trotzdem wird mit Hochdruck gearbeitet. Von meinem Bekannten wird volle Leistung gefordert – und noch ein bisschen mehr. Er kann froh sein, dass er überhaupt noch Arbeit hat, mit über fünfzig.

Sommerferien in Nordrhein-Westfalen. Die einen haben Urlaub, die anderen müssen arbeiten. Ein paar Momente Ferien für die Seele aber kann sich jeder nehmen.

Auf meinem Schreibtisch steht eine Postkarte. Ich habe sie von einem Urlaub an der Nordsee mitgebracht. Die Postkarte zeigt einen strahlend blauen Himmel und das rauschende Meer. Im Vordergrund stehen zwei farbenfrohe Strandkörbe. Der Schriftzug auf der Postkarte wünscht dem Betrachter Zeit: Zeit, um loszulassen. Zeit, um zu sich selbst zu finden. Zeit, um an Gott zu denken.

Ich denke an meinen letzten Urlaub auf einer Nordseeinsel. Ja, ich war echt reif für die Insel. Endlich Zeit, um loszulassen. Zunächst aber fiel mir das gar nicht leicht. Immer wieder stiegen die vielen Verpflichtungen in meinen Gedanken empor. Aber nun: ich war auf der Insel und ich konnte ohnehin nicht mehr eingreifen. Das Handy blieb ausgeschaltet. Allmählich legte sich eine wohlige Trägheit auf meine Gedanken. Langsamkeit war angesagt.

Und nun hatte ich Zeit; Zeit auch, um zu mir selbst zu finden. Ein paar kritische Fragen stiegen in mir auf. War ich mit mir selbst und meinen Mitmenschen eigentlich noch im Einklang? Wo habe ich mich verbogen? Wo habe ich über meine Kräfte gelebt? Ob ich es nach dem Urlaub besser machen würde? Ich nahm mir die Zeit, um über das eine oder andere in meinem Tagebuch nachzudenken.

Unter meine Gedanken schrieb ich einen Vers aus der Bibel: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Psalm 31,16) Dies ist ein altes Gebet. Meine Zeit, das heißt: mein ganzes Leben, verdanke ich Gott. In Gottes Händen liegt meine Zukunft.
Mit Gott kann ich aber auch über meine Vergangenheit reden. Von ihm weiß ich mich geborgen und gehalten mit meinen Fragen und mit meinen Wünschen.

Die Urlaubspostkarte auf meinem Schreibtisch erinnert mich daran.

Audiobeitrag Ferien


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen