Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.07.06, 8.56 Uhr, Pfarrer Reinhard Ellsel

Zeit für die Dankbarkeit

Das menschliche Herz ist manchmal eine regelrechte Sorgenfabrik. Ich jedenfalls kenne das von mir. Ständig fabrizieren wir in unseren Herzen neue Sorgen.

Wie lange wird meine Gesundheit reichen? Wie soll ich mich in einer wichtigen Frage entscheiden? Und, und, und. Natürlich müssen wir rechtzeitig Vorsorge treffen: beruflich, familiär, finanziell. Aber oft machen wir uns lauter Sorgen über Fragen, die wir hier und heute doch nicht beantworten können. Hier einen Punkt zu setzen und die Sorgenfabrik abzustellen, darauf kommt es an. Und genau das fällt oft sehr schwer. Wie sollen wir die richtige Unterscheidung treffen zwischen rechtzeitiger Vorsorge und sinnloser Sorgerei? Manche leiden an ihren Sorgen. Es gelingt ihnen kaum, aus dem Teufelskreislauf der Sorge auszusteigen, in dem sich wie in einer endlosen Kette Sorge an Sorge reiht.

Mir selbst hat dabei schon oft die einfache Überlegung geholfen, dass noch niemand durch Sorgen sorglos geworden ist. Vielmehr stehen wir alle in der Gefahr, unser Leben ständig zu vertagen. Wir können jetzt alle zusammen locker eine ganze Liste von Zielen aufstellen, bei deren Erreichung wir hoffen oder hofften, dass dann endlich das eigentliche Leben losgeht.
- Wenn ich erst einmal mit der Schule fertig bin, dann ...
- Wenn das Haus erst steht, dann ....
- Wenn die Kinder erst groß sind, dann ....
- Wenn ich erst Rentner bin, dann ....
Und wenn man dann Rentner ist, dann ... 
... dann singt man wehmütig:
"Schön war die Jugendzeit, sie kommt nicht mehr ..."
Die Sorgen rauben uns nicht nur den Schlaf,
sondern auch unsere Lebenszeit.

Mein Tipp gegen die vielen Sorgen lautet: Setzen Sie mit Ihren Gedanken einen anderen Schwerpunkt. Zählen Sie jeden Tag nicht Ihre Probleme, sondern die "Geschenke"; die Dinge also, über die Sie sich freuen können, oder die ihnen gelungen sind. Schreiben Sie - vielleicht am Abend vor dem Einschlafen - in Gedanken einen kleinen Tages-Dankzettel, auf dem Sie fünf "Geschenke" notieren. Dafür ist es gut, wenn Sie sich den ganzen Tag dafür offen halten, das eine oder andere Geschenk zu registrieren. Fünf Geschenke, die ich am Abend auf meinem persönlichen Tages-Dankzettel festhalte. Fünf Geschenke, über die ich mich freue. Was soll da denn alles Großartiges draufstehen?, werden Sie fragen.

Das können ganz einfache Dinge sein. Ein paar Anregungen für Ihren Tages-Dankzettel kann Ihnen ein Gedicht von Matthias Claudius geben. Es heißt: "Täglich zu singen". Claudius weiß, dass es gut ist, sich jeden Tag ein wenig Zeit für die Dankbarkeit zu nehmen. Das ist so etwas wie eine "gute Medizin" gegen den Sorgengeist.

Sprecherin:
Ich danke Gott und freue mich
Wie`s Kind zur Weihnachtsgabe,
Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
Schön menschlich Antlitz! habe;

Daß ich die Sonne, Berg und Meer
Und Laub und Gras kann sehen
Und Abends unterm Sternenheer
und lieben Monde gehen.

Und all das Geld und all das Gut
Gewährt zwar viele Sachen;
Gesundheit, Schlaf und guten Mut
kann`s aber doch nicht machen.

Gott gebe mir nur jeden Tag,
So viel ich darf zum Leben.
Er gibt`s dem Sperling auf dem Dach;
Wie sollt` er`s mir nicht geben!

 

Audiobeitrag Zeit für die Dankbarkeit


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