Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.07.06, 5.56 Uhr, Dr. Sven Keppler

Halbzeit

Zweiundzwanzig Tage bleiben noch. Dann ist die große Unterbrechung vorbei. Bis zu den nächsten Sommerferien wird es dann wieder ein ganzes Jahr dauern.

Zweiundzwanzig Tage noch. Das ist Halbzeit. Die gefühlte Zeit verändert sich von heute an. Am Anfang schienen die Ferien endlos. Bei der Fußball-WM wurden noch die Achtelfinals gespielt. Von heute an wird die Zeit Tempo aufnehmen. Die ersten werden schon unruhig. Habe ich die Ferienzeit richtig genutzt: Werde ich am Ende genügend erholt sein? Sind all die Dinge geschafft, die ich mir für die Ferien aufgehoben hatte?

Für viele Familien ist der Urlaub in diesen Tagen schon am Ende. Sie müssen sich erst wieder im Alltag zurechtfinden. Vielleicht sind sie auch froh, dass endlich wieder normal wird. Andere haben noch eine Reise vor sich – voller Erwartung auf Dinge, auf die die anderen schon zurückblicken.

Gut vierzig Tage lang ist der Alltag unterbrochen. Ein biblisches Zeitmaß. Die Bibel ist voll von Vierzigtage-Geschichten. Immer geschieht in ihnen etwas Außer-gewöhnliches, Nicht-Alltägliches.

Die vierzig Tage können als Flucht beginnen. Wie bei Elia. In seinem Beruf hatte er die Aufgabe, unangenehme Nachrichten zu überbringen. Er war ein Prophet, der die Mächtigen immer wieder wegen ihrer Fehlleistungen anklagte. Irgendwann hatten die die Nase voll, und Elia musste fliehen. Abstand gewinnen von den Anfeindungen und von seinem Beruf. Er war so ausgebrannt, dass ihm der angedrohte Tod fast als Erlösung erschien.

40 Tage und 40 Nächte wanderte er, bis er an den Berg Horeb kam. An den sagenhaften Gottesberg. Die Flucht wurde so unter der Hand zur Gottessuche. Als er auf dem Gipfel war, brach ein Unwetter los. Ein Wettersturz im Gebirge. Die Berge zerrissen und die Felsen zerbrachen. Die Natur tobte so mächtig wie der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Aber Gott begegnete ihm nicht in diesem Sturm.

Danach bebte die Erde. Elia allein auf dem Berg, und der Boden unter seinen Füßen schwankte. Und wieder zeigte sich ihm kein Gott. War er umsonst 40 Tage lang gewandert? Hatte er den falschen Weg gewählt und musste nun mit seinem Leben bezahlen? Und dann brach auch noch ein Feuer aus. War ein Blitz eingeschlagen? Jedenfalls war auch in diesem Feuer kein Gott.

Nach all diesen Gewalten kam ein stilles, sanftes Rauschen. Als Elia das hörte, verhüllte er sein Gesicht mit seinem Mantel. Er vernahm eine Stimme: Was hast du hier zu tun? Elia berichtete, wie er für Gott eingetreten war und deshalb fliehen musste. Da antwortete die Stimme: Geh zurück in deine Heimat und salbe dort einen neuen König.

Elias Flucht war zu einer Einkehr in die Stille geworden. Und in dieser Stille war ihm Gott begegnet. Mit genügend Abstand konnte Elia jetzt auf die letzten Monate zurücksehen. Konnte vor Gott zur Sprache bringen, was gewesen ist. Und offen werden für eine neue Aufgabe. So waren die vierzig Tage zum einem Wendepunkt geworden. Sie hatten als Flucht begonnen. Und endeten damit, dass Elia bereit war für neue Aufgaben.

Dieser Wendepunkt lag nicht in der Halbzeit. Bei Elia lag das Bergfest erst am Ende. Wer heute schon unruhig wird, ob die Ferien ein Erfolg werden, darf gelassen sein. Noch bleiben 22 Tage.

Audiobeitrag Halbzeit


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