Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.07.06, 5.56 Uhr, Dr. Sven Keppler

Gott wohnt bei den Armen

„Gott wohnt bei den Armen.“ Diesen Satz höre ich nicht zum ersten Mal. Aber gelegentlich berührt er mich mehr als sonst. Dann frage ich mich: Ist Gott vielleicht umgezogen?

Ist er ausgewandert aus Mitteleuropa? Wie ein Wohlstandsflüchtling. Dorthin, wo die wirklich Armen sind: in die Slums von Lateinamerika , Afrika, in Asien. Wo die Religiosität mächtig aufblüht und kein Mensch glauben mag, dass hier in Deutschland Kirchen geschlossen werden.

Von älteren Menschen höre ich manchmal, dass es uns heute einfach zu gut geht. Damals, im Krieg, hätten sie beten gelernt. Als die Städte in Schutt und Asche versanken. Und in den Jahren danach, als die meisten bei Null anfangen mussten. Damals haben sie die Kirchen gebaut, die heute verkauft oder abgerissen werden.

Aus solchen Sätzen spricht viel Lebenserfahrung. Vielleicht haben wir vor lauter Wohlstand das Beten verlernt. Vielleicht trage auch ich mit meiner Zufriedenheit dazu bei, dass Gott immer weniger vorkommt im öffentlichen Leben. „Gott wohnt bei den Armen.“ Dieser Satz hat jedoch eine ganz andere Botschaft. Er sagt: Es liegt gar nicht an mir. Und auch nicht an meinen vom Wohlstand verwöhnten Mitmenschen. Ob wir in der Not beten lernen oder es ohne Not vergessen.

Es ist Gottes eigene Entscheidung, wo er wohnt. Und wo er die Frömmigkeit blühen lässt. Vielleicht ist er ja wirklich ausgewandert in die südliche Hälfte unserer Erde.Einer der stärksten Anwälte der Armen in der Bibel ist der Prophet Amos. Er lebte in einer Zeit, als in den Städten der Wohlstand wuchs. Die wirtschaftlichen Umbrüche führten dazu, dass die Besitzenden ihren Reichtum vermehren konnten. Die kleinen Leute verarmten dagegen immer mehr. Die sozialen Netze konnten sie immer seltener auffangen. Zu den damaligen Reichen sagte Amos:

Sprecherin: Es wird eine Zeit kommen, spricht Gott der Herr, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde. Nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des Herrn, es zu hören; dass sie hin und her von einem Meer zum andern, von Norden nach Osten laufen und des Herrn Wort suchen und doch nicht finden werden.

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Vielleicht ist das ja unsere Situation. Nicht, dass alle Gott vergessen hätten. Aber vielleicht laufe ich ja hilflos herum und kann Gott nicht finden. Weil er ausgewandert ist. Auch in Deutschland wächst die Armut. Die sozialen Reformen bringen immer mehr Verlierer hervor. Niemandem muss es in Deutschland so schlecht gehen wie einem Slumbewohner. Aber das macht die Not in unserer Nachbarschaft nicht erträglicher.

Auch die geistliche Armut wächst. Und im selben Maße Hunger und Durst nach Gott. „Neue Religiosität“ wird das genannt. Bei den vielen Menschen, denen ein Leben ohne Glauben zu wenig ist. Die sensibel werden für das, was fehlt, wenn die Welt entzaubert wird. Die neu nach den Schätzen suchen, die in unseren geistlichen Traditionen liegen – seien sie christlich, jüdisch oder noch ferner östlich.

„Gott wohnt bei den Armen.“ Ich glaube, dass dieser Satz richtig ist. Aber ich glaube nicht, dass Gott ausgewandert ist. Dass er nur in bestimmten Ländern wohnt. Gott wohnt bei jedem Menschen, der seine eigene Armut spürt. Der nicht genug zum Leben hat. Der hungrig ist. Hungrig nach Brot, nach Leben. Und vor allem nach Gottes Gegenwart. Darin liegt der Trost dieses Satzes: Wenn ich meinen Hunger nach Gott spüre, dann ist er mir schon nicht mehr fern.

Audiobeitrag Gott wohnt bei den Armen


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