Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.07.06, 5.56 Uhr, Dr. Sven Keppler

Gottesliebe

Diese Frau liebt zu stark. Sie muss besser auf sich aufpassen, sonst verliert sie sich. Wenn ich ihre Texte lese, bekomme ich ein ungutes Gefühl:

Zurückhaltung gibt es bei ihr nicht. Sie geht vollkommen in ihrem Geliebten auf.

Sprecherin:
Du bist ein inniger Kuss auf meinem Mund.
Ich bin in dir und du bist in mir,
wir können nicht näher sein,
denn wir zwei sind zusammengeflossen
und sind in eine Form gegossen;
so werden wir ewig bleiben, unermüdet.

Autor:
Mechthild heißt diese Frau. Sie lebte im 13. Jahrhundert in Magdeburg. In einer Wohngemeinschaft mit anderen Frauen. In ihrem gemeinsamen Leben hielten sie sich an bestimmte Regeln. Dazu zählte auch die Keuschheit. Der Mann, auf den sich ihre leidenschaftliche Liebe richtete, war Jesus Christus.

Sprecherin:
O Herr, liebe mich leidenschaftlich und liebe mich oft und lange!
Denn je häufiger du mich liebst, desto reiner werde ich;
je leidenschaftlicher du mich liebst, desto schöner werde ich;
je länger du mich liebst, desto mehr werde ich geheiligt hier auf Erden.

Autor:
In den seltenen Momenten ihres Glücks erlebte sie die Gegenwart ihres Liebhabers. Das waren die Höhepunkte ihres Lebens. Meistens jedoch entzog sich der Geliebte. Ihre Aufzeichnungen sind voller Klagen über seine Abwesenheit.

Sprecherin:
Ich rufe nach dir mit gewaltiger Sehnsucht
und kläglicher Stimme,
ich warte auf dich, schweren Herzens. [...]
Ich bin zu Tode verwundet
vom Pfeil deiner Feurigen Liebe;
nun lässt du mich, Herr,
ohne Heilsalbe in großer Qual liegen.

Autor:
Wahrscheinlich wurzelt mein ungutes Gefühl in diesen Klagen. Wenn Mechthild so sehr unter ihrer Einsamkeit leidet, dass sie sich den Tod wünscht. Nicht nur, damit die Einsamkeit ein Ende hat. Sondern um ihrem Geliebten endlich dauerhaft nahe zu sein.

Sprecherin:
Wenn ich an den Tod denke, dann freut sich meine Seele mit solcher Macht auf den Aufbruch, dass mein Leib dann in ganz übermenschlicher Seligkeit schwebt.

Autor:
Andererseits: Hat sie nicht recht? Gehört zur echten Liebe nicht die Maßlosigkeit? Kann man lieben, wenn man zugleich immer schon dem Liebeskummer vorbeugt?

Sprecherin:
Ich freue mich, dass ich den lieben darf, der mich liebt, und begehre danach, ihn tödlich zu lieben, maßlos und unaufhörlich. Das ist die Torheit der Toren: Sie leben ohne Leid im Herzen.

Autor:
Mechthild hat die Zeiten ihrer Verzweiflung immer wieder überlebt. Sie hat immer wieder neue Kraft geschöpft. Mit den Jahren ist sie dann auch ruhiger geworden. Man könnte sagen: Ihr ist das gelungen, weil ihr Geliebter auf sie geachtet hat. Weil er sie vor ihrer eigenen Todessehnsucht geschützt hat. Und weil er sie gelehrt hat, in der Liebe ein heilvolles Maß zu finden. Mechthild ist genau dort zur Ruhe gekommen, wo sie Jesus Christus begegnete: im Gebet. Auf dem Weg des stillen Zwiegesprächs mit Gott.

Sprecherin:
Auf diesem Weg ist die Seele frei und lebt ohne Leid im Herzen, denn ihr Wille stimmt überein mit dem ihres Herrn, dessen Tun stets vollkommen ist.

Autor:
Leidenschaftliche Hingebung braucht einen achtsamen Geliebten. Sonst droht sie ins Zerstörerische umzuschlagen. Mechthild hat ihren Gott als einen solchen behutsamen Liebhaber erfahren.

Audiobeitrag Gottesliebe


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