Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.07.06, 6.56 Uhr, Max Koranyi

Lebensrhytmen

Vor mir liegt ein anrührendes Zeitdokument. Es ist das Entlassungszeugnis der dreizehnjährigen Schülerin Wilhelmina Bauer aus dem Jahre 1861. Aus der Volksschule in

Rauschendorf im Kreise Sieg. Ganz in der Nähe, wo ich heute wohne. Bevor die Leistungen benotet werden, steht an erster Stelle, Römisch I der Abschnitt „Regelmäßigkeit“. Regelmäßigkeit des Schul- aber auch des Kirchenbesuches. Für beides erhielt Wilhelmina ein „Sehr Gut“.

Nun weiß ich wohl, dass zum Glück die Zeiten vorüber sind, in denen Kinder zum Kirchgang gezwungen wurden. Wir wissen heute, was für Mißtrauen und Schäden dadurch auch entstanden sind. Wir würden heute den Kopf darüber schütteln, wenn in diesen Tagen auf einem Schulzeugnis die Regelmäßigkeit des Kirchenbesuchs bescheinigt werden würde. Die Verfassung unseres Staates ist glaubensneutral, auch wenn es immer noch eine enge Zusammenarbeit zwischen ihm und den Kirchen gibt. Aber in Zeiten religiöser Vielfalt kann die öffentliche Schule nicht mehr den Kirchenbesuch bewerten. Wie das 1861 scheinbar noch völlig selbstverständlich war.

Allerdings bin ich inzwischen auch der Meinung, dass unsere Zeit nun umgekehrt in einer anderen Gefahr steht. Es ist nicht mehr eine verordnete Kirchlichkeit, die belastet. Ich habe eher das Gefühl, dass wir unseren Kindern genauso wenig einen Gefallen tun, wenn wir ihre Religiosität der Beliebigkeit überlassen. Wenn es inzwischen wieder „in“ ist,  im schulischen Ablauf Wert auf feste Absprachen, Zuverlässigkeit und eine inhaltlich begründete Ordnung zu legen, warum dann nicht auch in der - wie sagte man früher? - Herzensbildung?

Natürlich kann ich mich noch gut daran erinnern, dass ich vor 50 Jahren auch ab und an gestöhnt habe, als mich meine Eltern Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst mitnahmen. Ich wäre auch oft lieber im Bett geblieben, hätte gelesen oder wäre zu Freunden gegangen. Heute weiß ich, dass meine Eltern mir damals einen grossen Gefallen getan haben. Sie haben nämlich mit mir regelmässig und konsequent eingeübt, dass eine Unterbrechung des Alltags für meine Seele nur gut sein kann. Und darüber hinaus habe ich im Laufe unzähliger Kirchenbesuche Geschichten, Liedtexte und Erzählungen gesammelt, die heute noch mein Leben bereichern. Ich habe damals nicht alles verstanden. Und ich war sicherlich auch nicht mit allem einverstanden. Aber meine Schulwoche wurde immer im gleichen Rythmus unterbrochen. Und während dieser kostbaren Zeit bekam ich Ideen und Anregungen geschenkt, die mir beim Heranwachsen - sehe ich heute zurück - unschätzbare Dienste leisteten.

Wahrscheinlich gehören auch zum Glauben so etwas wie Ordnung und Regelmäßigkeit und Disziplin dazu. All dies findet natürlich nicht nur im Sonntagsgottesdienst statt. Manche unter Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, kennen feste Tageszeiten für Bibellektüre, Gebet oder Meditation. Und wissen, wie gut diese täglichen kurzen geistlichen Haltestellen der Seele tun. Vielleicht gehört hat ja auch für Sie das regelmäßige Hören der Morgenandachten im Rundfunk dazu. Selbst wenn Sie einmal damit begonnen haben sollten, um die anschließenden Nachrichten nicht zu verpassen: Inzwischen ist zu Beginn Ihres Tagesablaufs der Luxus einer Vierminutenandacht dabei. Manchmal sogar verbunden mit einem schönen Lied.

Wahrscheinlich hat auch der Schülerin Wilhelmina Bauer vor 145 Jahren der regelmäßige Gottesdienstbesuch nicht geschadet. Im Gegenteil. Vielleicht hat sie  gerade dort ein Gerüst mitbekommen, dass ihr dann auch in vielen anderen Lebensbereichen hilfreich war. Sonst hätte sie vielleicht auf ihrem Entlassungszeugnis nicht auch in Fleiß, Lesen oder  Schönschreiben ein „Sehr Gut“ erhalten.

Audiobeitrag Lebensrhytmen


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